Von Politik und Tatsachen

LIE! Honey LIE!

 

„Die Wahrheit ist die Krücke der Verlierer.“ So lautet die griffige Überschrift von Thomas Assheuers Artikel in der Zeit vom 29. September, mit dem eine weitere Stimme in den Chor derer einstimmt, die glauben, mit dem Begriff des Postfaktischen ließe sich das Phänomen Trump, ließen sich AfD und Pegida – ach der ganze schnöde Populismus erklären. Egal was diese politischen Akteure für einen Unsinn von sich geben, es scheint dem Erfolg nicht zu schaden (was nach dem jüngsten Skandal von Trump abzuwarten bleibt).

Zahlen haben keine Emotionen, im Gegensatz zur Rede.

Wenn Trump behauptet, der Klimawandel sei eine Erfindung Chinas, um den Westen zu schwächen, dann stellt er damit die Forschung renommierter Wissenschaftler in Frage. Zieht man deren Daten heran, zucken Trumps Anhänger nur mit den Schultern. Ein alter Kalenderspruch ist zur Formel dieser seltsamen Rationalität geworden: Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast. Ähnliches gilt für all die besorgten Bürger, die gegen Flüchtlingsunterkünfte sind, weil sie besonders den sexuellen Trieb der männlichen, oftmals unbegleiteten Flüchtlinge fürchten, die den Anblick einer blonden Frau als Einladung zur Vergewaltigung verstehen: Die Tiere kommen in unser Land – Bernd Höckes rhetorisches Schnurren ist finsterste Märchenstunde. Doch ein Verweis auf die Kriminalitätsstatistik, auf die vermeintlichen Tatsachen hilft auch hier nicht weiter. Zahlen haben keine Emotionen, im Gegensatz zur Rede. Sie prallen ab an der Sehnsucht nach dem einem kohärenten Narrativ, endlich wieder Deutsch sein zu dürfen. All das ist wahrlich eine postfaktische Bleiwüste. Die Fakten zählen nicht mehr. Der Diskurs hat sich abgekoppelt von der Wirklichkeit. So zumindest das postfaktische Narrativ. Vorbei sind die Zeiten der guten alten Politik, die immer in Referenz auf die Wirklichkeit agiert hat oder zumindest die Fakten letzten Endes immer für eine Erdung gesorgt haben, wenn die Rede allzu weit abgehoben ist. Alles was heute noch zählt ist die Show, die Performance, sind die Gefühle. Der Verwirklichungseffekt, die performative Kraft der Aussagen, Gesten und Bilder, schaffen Identität, die all denen, die keinen Halt mehr in dieser beschleunigten Welt finden, mit einem Fundament ausstatten: weiß, männlich, heterosexuell, usw. Sie können hier einsetzen was sie wollen. Letztlich geht es nicht um den Inhalt, sondern um das Spektakel, das zur Form gerinnt, in die dann sichernder Zement gegossen werden kann. Durchaus problematisch.

Fakten und Interpretationen sind immer Teil des Ganzen.

Der These von der postfaktischen Ära wohnt aber auch eine Sehnsucht nach verlorener Sicherheit inne, eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die Fakten noch einen Wert besaßen. Das Schreckensgespenst des Populismus, es wäre dann gebannt, wenn wir uns nur wieder auf Fakten berufen würden. So einfach, so verklärend. Denn nicht nur ist die Umkehrung, dieser Blick zurück, hoffnungslos nostalgisch. Es besteht die Gefahr ein wesentliches Strukturmoment von Politik und Öffentlichkeit zu verdecken: Fakten und Interpretationen sind immer bereits Teil des Ganzen. Wenn man so will, sind Tatsache und Postfaktisches immer schon ineinander gedreht. Denn es muss nicht gleich die Trump’sche Lüge sein, also jene politische Äußerung, die sich gar nicht mehr um die Tatsache schert, sich einfach erfindet, um ein Ziel zu erreichen. Es genügt bereits eine radikale Schlussfolgerung, eine gewagte Interpretation der Fakten und die Grenze zum Postfaktischen wird schwer zu ziehen. Wann entfernt sich die Interpretation soweit von der Tatsache, dass diese einfach verschwindet? Bewegen wir uns nicht immer schon in diesem postfaktischen Raum, also nach den Tatsachen, wenn wir durch unseren Bezug auf die Welt, der immer schon Interpretation ist, die Tatsachen zum Schwingen bringen? Bevor man all diese Fragen sinnvoll beantworten kann, muss man den Tatsachen auf den Grund gehen.

Der Ruf nach den Tatsachen und Fakten wurde bereits in der unsäglichen Lügenpressedebatte laut. Über Wochen skandierten sich die Wutbürger und Besserwisser in Rage: Fakten, Fakten, nichts als die Fakten. Wagte der Journalist einen Kommentar, bot er eine Deutung an, die möglicherweise auch noch der jeweiligen Weltsicht widersprach, dann pochte der Mob auf Objektivität: Medien sind dazu da, über das zu berichten, was passiert – also über Fakten. Aber was ist eigentlich eine Tatsache?

Die Sprache ist niemals neutral.

Eine der Standartdefinitionen lautet, dass eine Tatsache eben das sei, was wirklich passiert oder passiert ist. Klingt plausibel, sagt aber rein gar nichts aus. Es handelt sich um eine Tautologie. Eine leere Aussagen, da die Definition nur das Wort Tatsache durch einen Satz ersetzt. Daraus ergibt sich auch, dass die Frage nicht an ihr Ende kommt, sondern erneut ansetzt: Was ist das, was wirklich passiert ist? Wir drehen uns im Kreis, wenn wir uns im Abstrakten bewegen. Daher lenken wir doch einfach den Blick auf eine Tatsache der Gegenwart. Seit einiger Zeit verlassen eine große Anzahl von Menschen ihre Heimat und kommen nach Deutschland. Jeder von uns kennt die Bilder. Darauf können wir uns einigen – es handelt sich um eine Tatsache. Politische Konsequenzen können daraus aber wohl kaum gezogen werden. Dazu bedarf es einer Bewertung, einer Interpretation. Diese beginnt bereits bei der Wortwahl, wenn wir die Tatsache kommunizieren, darüber sprechen oder schreiben. Es macht einen großen Unterschied, ob wir bei der Beschreibung dieser Tatsache von einem Flüchtlingsstrom, einer Flüchtlingskrise oder eine humanitäre Katastrophe sprechen. Die Sprache ist niemals neutral. Bereits an dieser Stelle gibt es keine nackte Tatsache mehr. Eine Tatsache, so könnte die Definition lautet, das ist eine Aufforderung Stellung zu beziehen. Das Finden dieser Stellung ist Politik und Politik erschöpft sich nicht in der bloßen Nennung von Fakten. Sie ist ein Prozess von Interpretation, Narration und Sinnstiftung. Vor allem weil die wichtigsten Begriffe des politischen Raumes – Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit – eben keine Tatsachen sind. Sie sind nicht gegeben. Freiheit steht nicht dort draußen herum. Freiheit weidet nicht auf einer Wiese und kein Mensch trägt sie vor sich her. Sie ist ein Streitfall, abhängig von Interpretation und Argumenten. Sagen wir es nochmal deutlich, damit es zu keinem Missverständnis kommt: Es gibt es Fakten. Wenn ich mir den Fuß breche. Wenn jemand seine Tasse fallen lässt. Daran kann man nicht rütteln oder anders gesagt, daran kann man eben meist doch rütteln. Politik kann man damit aber nur in den seltensten Fällen machen.

Es fehlt eine Zukunft, ein Narrativ für die Zukunft.

Diesen strukturellen Aspekt von Politik einfach zu unterschlagen ist fahrlässig, weil dem Bürger das Bild einer reinen Politik verkauft wird, die sich eben an der Welt reibt und lediglich mit Tatsachen hantiert. So einfach ist es aber nicht. Vielleicht ist es auch weniger der fehlende Bezug auf Fakten, der ein wirklich Problem darstellt. Vielleicht sind all die Trumps, Johnsons und Petrys dieser Welt nur ein Symptom einer ganz anderen Krise, von der man nicht so gerne spricht – eine Krise der Imagination. Es fehlt eine Zukunft, ein Narrativ für die Zukunft, von der aus die Gegenwart in einem anderen Licht erscheint. Aber diese gilt als unvorstellbar. So lange aber der Neoliberalismus das Maß aller Dinge bleibt, so lange prekäre Lebenswirklichkeiten den Alltag so vieler Menschen erschweren und so lange der einzige Ausweg der Herrschenden darin besteht, von den Krise durch induzierte Wut auf das Andere abzulenken – so lange werden die postfaktischen Narrative die Menschen verführen. Yanis Varoufakis hat es immer wieder betont: Wenn die Politik so weitermacht, keine neuen Perspektiven bietet, werden die Menschen in die Hände rechter Rattenfänger getrieben. Genau das ist es, was gerade passiert.

Advertisements

Von verführerischen Monstern

Der erste Teil der NSU-Trilogie der ARD ist ein sperriger, aufrüttelnder Film, der sich auf eine spekulative Suche begibt. Leider schalten die Zuschauer nicht ein.

Der NSU-Prozess ist noch nicht mal abgeschlossen, das letzte Wort des Rechts nicht gesprochen, da dreht die ARD bereits eine Trilogie über die Verbrechen. Drei Film, drei Perspektiven: Täter, Opfer, Ermittler. Braucht es das wirklich? Mit „Heute ist nicht alle Tage“ war am Mittwoch nun der erste Teil zu sehen. Die Frage ist damit eigentlich beantwortet. Egal wie die anderen Filme werden. Ja, wir brauchen das. Wir brauchen diese fiktive Spekulation, weil wir nur mit dieser an die anderen Schichten, unterhalb der nackten Fakten kommen. Weil wir uns mit uns selbst darin auseinandersetzen müssen. Dafür sorgt der Film nämlich – für Konfrontation. Er ist verführerisch, direkt und durchaus poppig, nur um dann im nächsten Moment die Stufe der Eskalation weiterzudrehen. Seht! Schaut! Die rechte Szene ist auch sexy. Sie bietet einen Sinn. Sie gibt Halt. Das mögen manche Zuschauer verwerflich finden, oder gar als Verharmlosung sehen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die rechte Szene nicht einfach aus dummen Glatzen und Monstern besteht. Wenn, dann sind diese Monster immer auch verführerisch. Schrecklich verführerisch. Neben Blut und Boden ist da immer auch Pop und Zucker. Sicherlich ist es einfacher auf die alten Stereotype und Dämonisierungen zurückzugreifen. Letztlich ist das aber nichts weiter als eine naive Befriedung des eigenen bürgerlichen Gewissens. Dort der dumme Skinhead, hier die aufgeklärte Wertegemeinschaft. Damit es auch schön heimelig bleibt in unserer Mitte. Aber nix da. Die Linien verlaufen nicht mehr gerade. Das ist die Lektion, ohne die wir gar nichts aus der Vergangenheit lernen können, um in der Zukunft etwas zu sehen.

Dieser eisige Blick…

Gemeinsam sein, Pogo tanzen und sogar zu Rio Reiser singen: Wenn ich König von Deutschland wär. So frei flotieren die Zeichen, dass aus links plötzlich rechts wird. Im Osten, dort hinter der Mauer, war es eine Form der Rebellion. Die linke Utopie hat versagt, ist zerfallen, konnte die Regale nicht mehr füllen. Die Wiedervereinigung gab Aussicht auf ein neues, starkes Deutschland, auf blühende Landschaften. Ein psychotisches Aufblühen. Die wieder aus der Taufe gehobene Nation wird umarmt, wild und heftig: Der rechte Arm zum Gruße. Da läuft es einem eiskalt den Rücken herunter, weil der Schrecken und die Verführung so nah beisammen liegen. Der Schwindel steigt einem beinahe sprichwörtlich zu Kopf. Der Fuß wippt im Takt der Melodien, tanzt im Kreis und die Vernunft wehrt sich. Man ist mitten drin im Entstehen von Affekten und Bindungen – und Gegenwehr. Das ist das Faszinierende an diesem Film. Er scheut den Zeigefinger, geht hinein in diese Welt (in diese Wunde), zieht den Zuschauer hinein und zeigt, dass es dort im braunen Sumpf durchaus verführerisch zugehen kann. Keine einfache Distanz und keine braven Bürger, die irgendetwas zurechtrücken. Nur dieser Blick von Zschäpe in die Kamera, der die vierte Wand durchbricht, lässt einen zurückschrecken. Dieser Blick ist doppeldeutig. Einerseits markiert er das geschehen als Fiktion, indem er mit der filmischen Illusion bricht. Andererseits fokussiert er den Zuschauer, wie als würde er fragen: Ist das nicht sexy? Wie weit würdest du gehen? Würdest du einschreiten, unsere Taten verhindern? Ja, was würden wir tun und was tun wir heute und morgen?
Damit trifft „Heute ist nicht alle Tage“ ins Mark: Dort draußen lauert das Böse, tief in den Seelen der Zuschauer. Ähnlich wie Haneke bei „Funny Games“ wird hier eine unerbittliche Distanz durch Nähe geschaffen, die den Zuschauer auf sich selbst zurückwirft. Es ist ein Zwang zur Reflexion eingebaut. Man wird ertappt, von der Filmfigur, die sich mit der realen Zschäpe kreuzt. Einfache Erklärungen werden dabei nicht gegeben. Vielmehr werden Spuren gelegt, verweist das Eine auf das Andere usw.: Die Familienverhältnisse, die Gruppendynamik, die Verführung, die Ideologie. Vor allem aber geht es um die Dynamiken einer Gruppe, die sich ineinander drehen, einem Fangnetz gleich, keinen Ausweg mehr zulassen.

Ideologie besiegt Eifersucht

Natürlich ist da eine Spur Bonnie und Clyde. Natürlich sind da Anleihen aus „Clockwork Orange“. Es handelt sich ja auch um keine Dokumentation, sondern um das spekulative Psychogramm der Täter mit den Mitteln des Films. Da gibt es immer Verweiszusammenhänge. Zschäpe (Anna Maria Mühe) wird von der kleinen schüchternen Schülerin, die vor den Scientologen noch beinahe ehrfürchtig erstarrt, zur rechten Femme Fatale. Erst führt sie eine Beziehung mit Mundlos (Albrecht Schuch), nur um sich im nächsten Moment dem Freund Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) in die Arme zu werfen. Kann sie einfach nicht allein sein oder spielt sie mit der Macht der Geschlechterrollen? Man stelle sich nur vor was passiert wäre, hätte Mundlos seine Eifersucht nicht den größeren, mörderischen Zielen untergeordnet? Wäre die Eifersucht dann das Ende des NSU geworden? Es wäre so einfach gewesen, so banal. Die Eifersucht hätte so vielen Menschen das Leben gerettet. Doch der große Ideologe erscheint in diesen Moment dem bloßen Fleisch erhaben zu sein. Mundlos schweißt mit seiner unerbittlichen Disziplin die Gruppe zusammen. Danach geht es in den Untergrund. Es gibt nichts mehr zu verlieren.

Die Zuschauer bleiben aus

„Heute ist nicht alle Tage“ ist ein großartiger, weil verstörender Film, der die Kraft der Spekulation ausnützt, um uns mit Fragen zu konfrontieren, die durch die bloßen Fakten oder den Ausgang des Verfahrens nicht beantwortet werden können. Man muss dem Werden nachspüren, den mikrologischen Momenten, die sich dann auswachsen. Wir sollten das auch heute tun und Pegida und AfD nicht verharmlosen, nur weil sie sich mit Demokratie tarnen. Was gestern noch eindeutig identifizierbar war, kann heute schon unter neuen Masken aufmarschieren. Solche Filme helfen uns, die Augen und Ohren offen zu halten und immer auch das eigene Gewissen zu befragen. Bei uns selbst anzufangen. Wieviel des Films nun die Wahrheit gezeigt hat, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur der Diskurs, den wir darüber führen – auch mit uns selbst. Doch die Zuschauer haben nicht eingeschaltet. Das ist das große Drama dieses Mittwochs, der noch größere Schrecken. Was sagt das über die Verfasstheit dieses Landes? Was sagt das über den Rechtsruck, wenn die Menschen sich in so großer Zahl nicht mit diesem Thema auseinandersetzen wollen? Es bleibt das seltsame Gefühl zurück, dass das Ausbleiben der Zuschauer noch mehr über die Gegenwart sagt, als der Film selbst. Nur ohne diesen reflexiven Moment, ohne diesen Blick von Mühe/Zschäpe. Beide Augen fest geschlossen. Niemand hat etwas gesehen. Mal wieder nicht. Bis es wieder brennt.

WILD // Gedankensplitter#2 zum neuen Film von Nicolette Krebitz

„Im Tier verkennen sich die Leute, und darum ist es mitten unter uns. Es spricht
stets die Sprache der anderen und rückt an einen Ort, an dem sich alle Artikulationen,
alle Laute und Worte miteinander verwechseln.“
(von der Heiden/Vogl, Politische Zoologie, S.7)

Gilles Deleuze. Tier-Werden. Frau-Werden. Das sind die Koordinaten dieses Films. Wenn der Körper von einer Intensität durchfahren wird, wenn er sich aufbäumt und die klaren Linien der Ordnung ununterscheidbar werden, sich überkreuzen, verschieben, das gesellschaftliche Raster nicht mehr greift. Es ist ein Ereignis eingetreten und danach wird nichts mehr so sein, wie es davor war. Vorher und nachher werden nicht mehr zusammenpassen, denn von nun an wird man ein anderer sein: Ich ist ein Anderer.
Ania ist ein Anderer. Die Trostlosigkeit ist ihr ins Gesicht geschrieben. Hochhaussiedlung, banaler Job und keine wirkliche Nähe zu den Menschen um sich herum. Auf dem Weg zur Arbeit steht dieser Wolf am Rand eines kleinen Wäldchens. Dann beginnt eine Geschichte des Werdens, die man eigentlich gar nicht wirklich zusammenfassen kann. Sie ist sozusagen wild. Die Liebe einer Frau zu einem Wolf, der Ausbruch aus den Normen. Wer nun denkt, dies klinge nach wenig Handlung, unterschätzt die visionäre Kraft von Nicolette Krebitz.

Wild_3_Lilith-Stangenberg_c_Heimatfilm

WILD unterwandert und wuchert

WILD handelt von den wirren Linien der Sexualität, von Begehren, vom Einbruch der Natur in das Soziale – wobei man fragen muss, ob der Sex nicht bereits immer schon die Ordnung stört, weil er uns zu Tieren werden lässt, uns aus der Vernunft heraushebt und uns den Körpern überlässt. Kein Ich im Sex, nirgendwo. WILD handelt von weiblicher und männlicher Sexualität, von der scheinbaren Ordnung, in der diese Binarität als gesichert gilt. Aber WILD handelt auch von der Liebe, von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Wildheit, nach Ausbruch und der Suche nach einer Heimat in der Entgrenzung. Dafür erfindet der Film Bilder und Allegorien des Dazwischen.
Die Form des Films lässt dabei nicht klar einordnen. Das Ambivalente, Doppeldeutige und Phantastische bricht durch die Formsprache hindurch, durch das Genregerüst. Wenn man so will, ist WILD ein Liebesfilm, ein Märchen für Erwachsene, ein klein bisschen Horrorfilm (Werwölfe!). Ein bisweilen kompromissloses, feministisches Drama über Sexualität und Lust, Freiheit und Domestizierung des Weiblichen, ohne dabei – und das ist ein Wunder – intellektuell unterkühlt zu sein. Trotz der ruhigen Bilder ist da eine körperliche Rohheit, was nicht nur am Spiel der beiden Hauptdarsteller liegt. Es pulsiert auch die Dramaturgie, die ihre Energie aus den Subtexten zieht, die sie aufruft. Alles ist seltsam an diesem Film, alles ist seltsam gut und genau deshalb weiß man nicht, was in der nächsten Sekunde passieren wird. Endlich ist da die Möglichkeit der Überraschung- Das Kino versprüht wieder einen Zauber und entfernt sich vom Wort, um wieder näher bei der Körperlichkeit der Bilder zu sein.
Bereits in den ersten Minuten spürt der Zuschauer, dass mit dieser jungen Frau etwas nicht stimmt. Keineswegs wird dabei eine klassische Exposition ausgebreitet. Die Bilder dürfen sprechen, die Körper: Das verhuscht-verletzliche Spiel von Lilith Stangenberg ist lyrisch. Es gibt keine Gründe und keine Psychologie. Es gibt Hinweise, sicher – der kranke Großvater, die Absenz der Eltern, immer wieder die Einsamkeit. Ja, da ist ein einsamer Mensch, isoliert und eingesperrt. Aber es gibt da nur dieses Jetzt und in dieses Jetzt werden auch wir eingesperrt: Die Innerlichkeit ist Äußerlichkeit. Jetzt und Jetzt und Jetzt.
Dann das Ereignis: Der Wolf am Waldesrand der Siedlung. Von da an wächst der Wahn, der Liebeswahn: das Wolfwerden hat begonnen. Das ist Liebe, denn diese bedeutet immer, dass wir ein anderer werden, ein Spiel aus Unterwerfung und sich unterwerfen. Wie wir den anderen, den geliebten einfangen wollen, so soll hier der Wolf einfangen werden. Doch der Wolf steht nicht nur für die Liebe, das gefährliche Objekt der Begierde. Die Mauern der Ordnung werden alsbald eingerissen. Doch nochmal langsam …
… wie geht das zusammen? Liebesgeschichte und Wolf?
Der Wolf ist bedrohlich. Er ist interessant. Er ist das Versprechen des Ungebändigten. In der fadenscheinigen Ordnung der Geschlechter, ist der Wolf das Männliche, der Jäger – die Frau ist die Beute. Deutlich wird diese Figur auch durch die sich abzeichnende Parallele zwischen Boris und dem Wolf hervorgehoben. Diese großartige, einzelgängerische Aufgekratztheit, die Georg Friedrich hier ausspielt, als hätte er noch nie etwas anderes gemacht. Sie erdet einerseits das Phantastische und vertieft es gleichzeitig. Diese atemberaubende Szene in der Gasse bei Nacht: Ania verfolgt Boris. Nun ist sie der Jäger. Er hat sie schon längst bemerkt und kommt ihr bedrohlich nahe. Was ist da zu hören? Ein Knurren? Ohne dass es deutlich werden würde, verschiebt sich der Film in das Horrorgenre, eher spurenelementar. Das Wolfwerden des Mannes. Sie wehrt sich, entzieht sich und nimmt Boris die Geldbörse ab. Das Geld, die Potenz, die sexuelle Spannung – all das ist dahin. Eine symbolische Kastration.

Wer ist hier der Werwolf? Der Mann? Die Frau? Der böse Wolf oder Gretchen?

Bereits bei Rotkäppchen handelt es sich ja nicht um eine harmlose Kindergeschichte. Der Wolf und das Mädchen – der Mann und die Sexualität. Die Geilheit verwandelt den Mann in ein Biest – aber als ob es so einfach wäre. Die Sexualität verschiebt die Eindeutigkeiten und daher gibt es auch nichts schwierigeres, kein Terrain, dass weniger vermint ist, als über Sex zu sprechen. Trotz aller pornographischer Bilder tun wird das ja nicht, verlassen wir das geschützte Terrain des Erlaubten nicht, des scheinbar bloß materiellen, körperlichen. Noch zugespitzter: Besonders der Frau wird nicht erlaubt, immer noch nicht, WILD zu sein.
Eigentlich ist die Verkörperlichung der Sexualität in den Medien eher eine Entkörperlichung. Was zählt ist nur das Glatte, das Klinische, die rasiert, saubere Frau. WILD löst das ein, was Feuchtgebiete sein wollte: Das Begehren der Frau ist nicht zahm, lässt sich nicht domestizieren. Da wird durchaus auch mal der Wolf begehrt, da will gebissen werden, auch mal gewürgt, weil die Frau auch etwas Wölfisches hat, ein Tier ist – ein Tier wird.

Wild_17_Lilith-Stangenberg-+-Georg-Friedrich_c_Heimatfilm

Wer glaubt der Wolf ist nur männlich, der irrt

Der Wolf ist auch weiblich. Der Wolf ist der Sex, das Begehren, die Lust. Sagen wir es deutlicher: Das Thema von Wild ist das animalische, das a-soziale. Was ist, wenn man nicht so richtig dazugehört. Als Frau gehört man nicht so wirklich dazu, wenn man WILD ist. Das darf nur die Hure. Die ist aber schon immer dieser Zwischenwelt gefangen, im subsozialen oder inter-sozialen Raum gefangen, domestiziert im Rotlicht. Der Zoo der Menschen, das ist das Bordell: Mit all den Spiegeln und den Gerätschaften. Die Hure der Wolf, der/die aus der Natur gerissen und in einen Käfig gesperrt wird.
Als Boris und sie miteinander schlafen und er – nahezu kindlich – zu früh kommt, wird er zum Beschützer: Er will sie nicht schwängern. Sie will weiter ficken. Am Ende kommt es nicht dazu. Und in einem Akt der Tierwerdung kackt sie auf den Schreibtisch. Das ist Punk. Das ist Rebellion. Der Wolf verändert die Welt. Er ist der wahre Liebhaber und der Beschützer, weil er sich nicht unter dem Schafspelz versteckt und weil man sich bei ihm auch nicht mehr unter dem Schafspelz verstecken muss. Hinaus in die Welt. Schweigsam und doch solidarisch. Roh. Wild. Das ist Kino. Das ist weiblich or … whatever. Das ist Sinnlichkeit.

WILD_Poster

Kritik der Authentizität

Der Zweifel an den Medien ist eines der Symptome der zunehmenden Nationalisierung. Hinter all dem steckt ein Authentizitätswahn, die Sehnsucht nach direkten Äußerungen. Jeder Versuch diesen Wahn zu befriedigen wird notwendigerweise scheitern. Das Motto aller Medien muss lauten: Mut zu Komplexität und Haltung.

Der Kampf gegen die zunehmende Radikalisierung, gegen die Verrohung des Umgangstons und damit gegen brennende Flüchtlingsunterkünfte, ist auch ein Kampf um den Wert und die Wirkung von Nachrichten und Bildern. Genau genommen also um deren Status. Nichts anderes bedeutet die Rede von der sogenannten Lügenpresse. Wenn nahezu der gesamte Medienapparat von einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe in Frage gestellt wird, verliert die demokratische Öffentlichkeit ihrer wichtigsten Mittel – Aufklärung, Aufdeckung, Investigation. Zum Thema Lügenpresse wurden unzählige Artikel geschrieben. Wie immer gibt es darunter bessere und schlechtere. Georg Seeßlen ist mit seinen tiefgründigen Analysen im Freitag und in der Jungle World in neue Tiefenschichten vorgestoßen. Eine der zentralen Aussagen: Nachrichten haben sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt, erschaffen vielmehr eigene Wirklichkeiten und dienen lediglich der Bestätigung und Konstruktion einer eigenen Weltsicht.

Die goldene Regeln: Komplexitätsreduktion und Emotionalität

Dies beginnt bereits mit den Kernelementen des heutigen Journalistenhandwerks – goldene Regeln vor allem für den Fernsehmacher: Ein Beitrag muss zugänglich sein und eine emotionale Geschichte erzählen. Am Ende wird der Inhalt einer vorgefertigten Dramaturgie untergeordnet, die zu immer gleichen Bilderfolgen führt. Man will schließlich, dass die Zuschauer nicht wegschalten. Werden die Dinge zu kompliziert, lassen sie sich nicht in Schwarz und Weiß einteilen, ist das mit der Weltbestätigung schon schwierig. Nicht umsonst haben sich die dritten Programme der regionalen Farbe verschrieben.

In Zeiten der algorithmischen Nachrichtenaufbereitung und der je nach Weltsicht zugeschnittenen Nachrichtenfeeds, potenziert sich dieses Problem der Abspaltung ins Unermessliche. Tendenzen gab es dazu schon immer. Der überzeugte Linke glaubte nur der Zeitung seines Vertrauens, wie der Konservative nicht jedes Schmierblatt in die Hände nahm. Für eine kritische und informierte Öffentlichkeit braucht es aber Pluralität. Diese gilt aber nicht nur für die Produzenten. Auch der Rezipient muss sich zum pluralen Leseverhalten zwingen. Sonst kippt man zurück in die Ideologie. In der digitalen Gegenwart haben sich die Stimmen multipliziert. Blogs, Foren und soziale Netzwerke, sie alle generieren Nachrichten. Mit diesen Nachrichten generieren sie eine neue Unübersichtlichkeit, eine Geschwindigkeit und als Gegenbewegung eine immer stärkere Abschottung bestimmter Gruppen: Komplexitätsreduktion.

Woher kommt dieser Zweifel?

Nachrichten brauchen Zeit und Reflexion, da sie sich sonst selbst überholen. Dann passiert das, was Georg Seeßlen als Hyperinformation bezeichnet: Die Nachricht richtet sich nicht mehr nach der Wirklichkeit, nach dem Widerstand des Realen – die Nachricht selbst ist das Ereignis. Man denke an die Nachricht von dem gestorbenen Lageso-Flüchtling oder an all die Opfer von Gewalt durch Flüchtlinge, die es niemals gegeben hat. All das ist in meinen Augen eine treffende Analyse der Gegenwart. Dennoch steht man immer noch vor einem Rätsel: Wann und wie hat das angefangen? Wann hat sich die Welt entwirklicht und warum haben wir das alles nicht gemerkt?

Die Wirkungsweise und die Funktion scheinen hinreichend beschrieben. Nun könnte man sagen, es liegt letztlich an der ideologischen Verblendung der AfD oder der Dummheit von Pegida-Demonstranten, die ihre nationale Eingrenzung in ihrem Medienkonsum medial vorwegnehmen: Da wollen einfach ein paar Bürger in ihrer heilen Welt nicht gestört werden.  Diese Argumentation macht es sich zu leicht und verschiebt das Problem nur. Es ist eine Ahnung, dass eine Sehnsucht nach Authentizität und affektiver Nachricht ein wesentlicher Schlüssel sein könnte. Das Internet hat uns nicht nur eine Vervielfältigung der Stimmen gebracht, es hat in uns allen einen Wunsch nach Authentizität geweckt, auf die eine oder andere Form. Direkte, ungefilterte Kommunikation, horizontale Machtverhältnisse und eine Überwindung der klassischen Nachrichtenproduzenten: das Volk ergreift die direkte Demokratie. Diese naive Utopie hat sich auf eine seltsame Weise verwirklicht.

Direkte Kommunikation gilt als authentisch

Der Erfolg von Bloggern und Youtubern liegt genau darin: Da spricht einer von uns, hinter dem kein Sender, keine große Institution steht. Das ist natürlich nicht selten ein Irrglaube, aber dennoch: Die mediale Inszenierung der Unmittelbarkeit erzeugt nun mal verführende Authentizitätseffekte. Da sitzen echte Menschen, die von echten Problemen schreiben, ihren echten Gefühlen Ausdruck verleihen und die in der Welt stehen, nicht in der Redaktionsstube sitzen. Liveschalten und Liveticker haben eine ähnliche Wirkung. Live vor Ort zu sein, ganz nah dran am Geschehen, wie bei der Räumung des Stadions in Hannover, bringt zwar kaum Inhalte oder Information, aber ein Gefühl von Realität. Da passiert etwas, genau jetzt, während wir hier vor dem Fernseher sitzen. Ist das nicht auch eine Form von Authentizität? Hier vergeht Zeit, wir sind direkt vor Ort und ihr könnt uns bei der Arbeit zusehen.

Alle anderen Formen, der Kommentar, die Reportage – letztlich alles, was in irgendeiner Weise mit textlicher oder bildlicher Montage und mit Redaktionen zu tun hat – steht im Verdacht der Meinungsmache: Da vergeht soviel Zeit, vom Ereignis bis zum geschrieben Wort, dass das unmöglich ohne Manipulation von statten gehen kann. Das ist zumindest der Verdacht. Der als Objektivität getarnten Subjektivität setzt man radikale Subjektivität entgegen.

Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch? Auch der authentische Youtuber gibt nur seine Meinung wieder. Dennoch wirkt das authentisch, weil der Ort des Sprechens ein anderer ist. Dieser mag nicht weniger inszeniert sein, aber eben auf eine andere Art und Weise: Authentisch eben, aus dem Bauch heraus. Die Lösung der etablierten Medien, insbesondere der öffentlich-rechtlichen Sender scheint eine inflationäre Verwendung des O-Tons zu sein. Wenn das Volk glaubt, wir wären zu weit von ihm entfernt, dann lassen wir eben das Volk zu Wort kommen – so die Losung. Es ist der Versuch, sich die verlorene Authentizität zurückzuholen: Am Ende produziert man Affektbilder, Affekttöne – Nachrichten aus dem Bauch heraus. Das unüberlegte Wort, das im Zorn geäußerte Fluchen, ist nicht einfach eine Einzelmeinung. Man kann sich darin einhaken, mit den eigenen Affekten. Insbesondere wenn der O-Ton nicht reflexiv eingeholt wird, keine Gegenposition bezogen wird, die Montage ausbleibt. Durch die mediale Rahmung wird dieses im Affekt gegebene Statement eines Augenzeugen zur authentischen Nachricht, zu einem Zeugnis und damit zur Wirklichkeit. Authentizität heißt direkt und aus dem Bauch heraus, ungefiltert, frei Schnauze.

Mit dieser Taktik erreichen die etablierten Medien das Gegenteil dessen, was sie eigentlich wollen. Doch die Sache ist noch viel schlimmer. Am Beispiel des Youtube-Kanals #Dreisechzich des WDRs zeigt, dass der Versuch den Vlog in das öffentlich-rechtliche System zu überführen letztlich nur schlechte Kopie wird: Man merkte, dass hier Authentizität hergestellt werden sollte und spürte, dass hinter den Gesichtern letztlich eine Redaktion stand. Nicht falsch verstehen. Ich fand das Experiment durchaus gelungen, denn eine Redaktion ist in Zeiten einer immer komplexer werdenden Welt notwendig. Die breite Masse fühlte sich aber nicht angesprochen. Für die Mehrheit sprach da immer noch das Establishment, versuchte sich der WDR nur hinter einem jüngeren Aussehen zu verstecken. Aber das ist gar nicht schlimm, denn man ist dem Konsumenten viel zu lang entgegengekommen und verliert, oh welch dialektische Wendung, immer mehr an Boden.

Haltung ist das Mittel

Überall ein menschelnder Zugang, eine emotionale Brücke und wenig Komplexität. Jeder Beitrag braucht eine Dramaturgie, muss gut gebaut werden, damit er sich verkauft, angeklickt wird, oder eine gute Quote bringt. Der Journalismus hat sich bisweilen selbst in eine unsägliche Abhängigkeit gebracht. Heute leben wir also in Zeiten des (Bauch)Gefühls, in der ein Misstrauen gegen die Arbeit der Journalisten alter Schule herrscht. Das Abwägen, Reflektieren und Recherchieren wird zum Auslaufmodell, zum Staatsfernsehen.

Wir müssen uns diesem Authentizitätswahn erwehren, indem wir die Haltung, die Reflexion, den Bericht und den Diskurs dagegenhalten und nicht aufhören die Authentizität als das zu entlarven, was sie letztlich immer sein wird: eine Inszenierung, ein mediales Konstrukt. Der Leser und der Zuschauer sind keine Konsumenten, die Ansprüche stellen können. Der einzige Anspruch, den es zu erfüllen gilt, ist der Anspruch die Probleme, Ereignisse und Diskurse – die Wirklichkeit – so angemessen wie möglich wiederzugeben. Ob diese Wirklichkeit den Wutbürgern passt oder nicht.

Das dunkle Herz Deutschlands

Jetzt ist das Geschrei groß. An Bautzen und Clausnitz entzündet sich alles. Mit den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof war es ähnlich, wenngleich in die andere Richtung. Wird da noch munter unter dem Deckmantel der Sorge um die Frauen fröhlich dem Rassismus gefrönt, so wundern sich nun alle wie offen der Hass gegenüber Ausländern ausgelebt wird. Überall werden Parallelen zu Rostock gezogen, als würde das etwas erklären. Warum so weit zurückgehen, wenn man doch einfach mit dem Dom im Dorf bleiben kann. Spätestens die Debatte um Köln hat gezeigt, wie ungeschminkt die Menschenverachtung ihr Gesicht zeigt.

Die Talkshows der Republik haben aus diesen Affekten ihre Quote gezogen: Ändert Köln jetzt alles? Nein. Köln ändert nichts. Es war nur eine weitere Stufe der rassistischen Eskalation in einem Land, dass sich immer gern in weißer Weste gesehen hat. Hätte man einfach mal die Ermittlungsarbeiten der Polizei im NSU-Fall als strukturellen Rassismus ernst genommen, man hätte dort schon deutliche Anzeichen sehen müssen.

Jetzt haben sie eine neue Sau, die sie durch die Wohnzimmer treiben können. Das Sensationspendel schlägt auf die andere Seite. Damit da keine Missverständnisse aufkommen: Die Vorfälle in Bautzen und Clausnitz sind widerwärtig. Doch darum geht es mir nicht. Darüber wird bereits genug gesagt. Vieles davon ist aber ebenso Teil des Problems. Diese gespielte Überraschung, dieses Entsetzen wie es dazu nur kommen kann, hier in Deutschland. Wie kann sich hier nur sich die Geschichte wiederholen, wie als hätte man daraus nichts gelernt – all das ist ein Teil des Problems, das viel weiter reicht, als es die Erregung jemals zeigen könnte. Da gibt es nicht diesen einen Auslöser, kein Plötzlich ist es da. Der Rassist ist nicht vom Himmel gefallen. Pegida ist mehr das Symptom einer Krankheit, die viel tiefer liegt, die latent vor sich hin schwelte: Was wenn der Rassismus nie weg war? Das ist die unheimliche Frage, die mich umtreibt.

Der oberflächliche Humanismus der guten Bildung

Willkommen im dunkeln Herzen Deutschlands. Jahrelang wurde eine Gedenkkultur inszeniert, der Opfer der NS-Diktatur gedacht und die einstudierte Formel wiederholt, dass sich das niemals mehr wiederholen dürfe. In den Schulen hat man die Fakten gelernt und Gedichte der Großen gelesen – so oder so ähnlich muss Dressur aussehen. Wer jetzt an Martin Walser denkt, der irrt. Der hat in ein ganz anderes Horn geblasen. Mit dem Gedenken darf nicht Schluss sein, es darf aber gleichzeitig nicht zu einer bloßen Handlung auf der Oberfläche der guten Bildung verkommen. Vor allem aber darf man aus dieser Gewalt von damals kein einmaliges, einzigartiges und unvergleichliches Verbrechen machen. Dann wird daraus nämlich eine Insel, auf die man sich zurückzieht, um sich seines eigenen Humanismus zu versichern. Das Geschehene muss in seinen basalen Strukturen nachvollzogen werden: Der Hass auf den Anderen, auf das Fremde, um sich seiner eigenen Position sicher zu sein, um von der eigenen Machtergreifung abzulenken. Wie entsteht diese Gewalt, die aus dem anderen keinen Menschen mehr macht, der in einem Haus verbrennt, sondern nur noch einen Eindringling? Den Opfern von damals gedenken und im selben Atemzug ABER sagen.

Dieses schreckliche Aber

In der Schule musste ich das miterleben. 13 Klasse, Gedichtinterpretation, irgendetwas von Günter Eich. Der Titel ist mir entfallen. Ich kann mich nur erinnern, dass sich die Fingerkuppen bereits wieder schwarz färbten: Die Warnung vor der Wiederkehr. Bei der Diskussion über das Gedicht waren sie alle gute Antifaschisten. Das beherrschten sie alle aus dem Stegreif. Gute, aufgeklärte Schüler, die im Geschichtsunterricht ganz gut aufgepasst haben. Dann aber ging es um die Frage, ob die heutigen Generationen immer noch Schuld tragen. Sicherlich ist das eine philosophisch hochkomplexe Frage. Was heißt Schuld? Welchen Begriff von Schuld legt man der Debatte zugrunde? Kann man Schuld weitergeben? Unabhängig davon spielte sich ein unheimliches Schauspiel ab: Aus den sauberen Antifaschisten wurden plötzlich kleine Wutbürger. Die Rede von den Russen in im Dorf, von den Türken die uns die Arbeit wegnehmen und vom Großvater der ja soviel durchgemacht hat im Krieg. Es waren nicht alle, die so gesprochen haben. Ein Großteil hat geschwiegen. Ich war schockiert und bis heute muss ich an diesen Moment denken. Dieser nahtlose Übergang von demokratisch-aufgeklärten jungen Menschen, die sich vom Leid der Menschen in den Konzentrationslagern betroffen zeigen, hin zu geifernden Rassisten, die nichts aus all dem gelernt haben, was sie vorher so wunderbar vorgetragen haben. Überall roch es nach der Pathologisierung der Herkunft.

Der Rassismus war niemals weg

Vielleicht war dieser Geist niemals weg. Haben wir uns darüber schon mal Gedanken gemacht? Ist es heute nur so offensichtlich, dass wir es nicht mehr übersehen können? Die Geschichte widerholt sich, aber sie wird ein anderes Gesicht tragen. Da helfen all die auswendig gelernten Haltungen nichts, all die zu Festschmuck erstarrten Gesichter auf den Feiern: Wir müssen uns fragen, jeder für sich, ob wir die vielen kleinen, alltäglichen Desaster wohlwollend übersehen haben. Der Rassismus (auch der Antisemitismus) war nie weg. Er war vielleicht kleiner und versteckter, nicht so mobilisiert. Nun ist er da und wir haben ihm alle beim Wachsen zugesehen. Zeit, dass wir etwas dagegen tun. Ein erster Schritt ist es, die Flüchtlingskrise nicht mehr als Alibi durchgehen zu lassen. Nicht deswegen ist der unbescholtene Bürger besorgt – er war es schon immer.

 

Gedankensplitter (1): Tarantino

Quentin Tarantino ist ein Phänomen. Mit seinen Filmen lockt er Menschen ins Kino, denen sich schon bei der bloßen Erwähnung von Arthouse der Magen umdreht. Denn neben all dem Pop, dem Grove und den Zitaten, neben all dem Blut, der Gewalt und dem Humor, sind da auch noch diese unkonventionelle Dramaturgie, diese langen, verschlungenen Dialoge und kapriziösen Spielereien, die bei vielen anderen Regisseur_Innen als Eitelkeit ausgelegt werden. Tarantino mag im Mainstream angekommen sein. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Tarantino auch Mainstream ist. Ein wilder Hybrid aus Filmkunst, Pulp und Kinonostalgie.

Meister der kurzen Form

Die erste Stunde von The Hateful Eight spielt fast ausschließlich in einer Kutsche. Im eigentlichen Sinne passiert nicht viel. Es ist eine lange Exposition, in deren Verlauf Tarantino ein paar seiner Figuren einführt – langsam und gemächlich. Garniert mit herrlichen Dialogen, die mäandern und einen narrativen Raum neben der eigentlichen Handlung ergeben. Wenn man so will, ist das der Kern von Tarantinos Talent als Geschichtenerzähler: Er ist kein Erzähler von großen Geschichten, vielmehr ein Meister der kleinen Formen.

hateful-iimage-7-30.0.jpg

Sagen wir es deutlich: Die Plots sind dürftig. Häufig sind es Rachegeschichten (Kill Bill, Inglorious Basterds, Django Unchained) oder ausgespielte Genrekonstellationen (The Hateful Eight, Deathproof). Tarantino braucht keine epischen Geschichten, er braucht ein grobes Handlungsgerüst. Daran hängt er dann, wie an einer Schnur, kleine kurze Geschichten: alltägliche Dialoge, die weit weg von der Handlung führen und den Zauber des Mündlichen feiern. Bravourös der Anfang von Pulp Fiction: Das Gespräch eines Gangsterpaares über das für und wider von Banküberfällen und Liquor Stores, alltäglich, nebenbei und dann: Everybody be cool this is a robbery! Das ist wahre Liebe.

Tarantino ist ein Meister der kurzen Form –

seine Filme Anhäufungen großartiger Miniaturen, die alle über seinen unbändigen Stilwillen zusammengehalten werden.

Das führt dazu, dass ein Großteil des Filminhalts über die Dialogebene ausgehandelt wird. Während das beim deutschen Fernsehfilm zu furchtbaren Doppelungen führt, der Dialog erklärt was man eigentlich gerade sehen, oder wie man es sehen soll, laufen Bild und Dialog bei Tarantino fruchtbar auseinander: Tarantino sucht die Differenz. Das macht das Sehen seiner Filme so aufregend – spannend in einem konventionellen Sinne sind sie aber nicht. Fiebert man wirklich mit Django mit? Oder mit Vincent Vega? Seine Figuren bleiben uns emotional fremd. Sie sind weniger reale Menschen, als vielmehr Ereignisse, comic-hafte Überzeichnungen, denen wir gerne beim Spiel zusehen, zusehen wie sie sich ausbreiten, überschlagen, wahnsinnig werden. Das ist einer der Gründe, warum die Gewalt nicht schmerzt, denn es wird niemand verletzt. Die Gewalt ist ein Ballett, ein Tanz und ein Spiel und die Figuren nehmen daran Teil. Bei fast allen seinen Filmen positioniert Tarantino sie wie Dominosteine auf einem Feld: Jeder hat eine Eigenschaft, eine bestimmte Funktion. Nach einer Weile, wenn der Parcours steht, tippt er eine Reihe an und Peng!: Es möge Blut fließen. Eine Hautfigur gibt es dabei nicht wirklich. Eher Perspektivfiguren, denen ein wenig mehr Raum gegeben wird, damit überhaupt eine Orientierung möglich ist und ein grober Plot sich zeichnen lässt. Wichtig sind sie aber alle: Es geht nie um den einen bestimmten Charakter: Es geht um die Relationen, die Chemie, das Aufeinanderprallen. Kein Psychogramm – Oberfläche, Handlung, Ursache und Wirkung.

Dabei inszeniert Tarantino nahezu immer in klar begrenzten Räumen, in Zimmern, Hütten, Autos und Bars. Große Strecken werden nicht inszeniert, sie passieren: Selbst bei Death Proof geht es nicht um die Straße, es geht um den Innenraum und um das Auto als Körper. Dauer und Zeit interessieren ihn auch nicht. Daher der Rückgriff auf Kapitelstrukturen und Nonlinearität. Verknappung, Pointe und das Hier und Jetzt besiegelt in Fleisch und Blut. Streng genommen dauern die langen Dialoge nicht. Sie setzen Punkte, eröffnen wieder Räume, so wie Tarantino eigentlich immer vertikale Anker in die horizontale Ebene der Bilder fahren lässt. Anker, an denen sich die Augen laben können: Man findet immer einen Halt, selbst wenn das Gehirn aus dem Schädel spritzt, ist das Rot so wunderschön, das Gelb des Revers ein Traum oder die Haltung im Sterben grazil, sodass man sich daran festhalten kann und das Bild sich darum herum strukturiert. Anders als bei Regisseuren, die mit ihrer Gewalt erschüttern wollen, gibt er den Blick nicht frei, zwingt den Zuschauer das Bild selbst zu ordnen und dazu Stellung zu beziehen: Er selbst bezieht Stellung. Schau dort hin mein Freund – wie sich das Blut auf dem Weiß der Baumwollplantage verteilt, wie auf einer Leinwand von Jackson Pollock. Ein Actionpainting in absoluter Engführung.

Letztlich gibt es aber einen banalen Grund, warum all diese unkonventionellen Facetten die Menschen nicht abschrecken, obwohl sie durchaus eher dem Arthousekino zuzuordnen sind: Es ist das Fehlen der existentiellen Tiefe, das Fehlen des Dramas. Die Zuschauer werden nicht mit sich selbst konfrontiert. Vielleicht ist es das, was ich gerne mal sehen würde. Vielleicht ist es das, was ich vermisse, wenn ich nach The Hateful Eight beschwingt aus dem Kino komme: Die Filme bleiben nicht im Gedächtnis, zumindest nicht auf eine emotionale Art und Weise. Der Form nach sind sie brillant. In der Miniatur gekonnt. Im Großen aber fehlt mir etwas im Nachgang.

image-two

Poetische Überhöhung – Joachim Triers „Louder Than Bombs“

Die Kriegsphotographin Isabelle (Isabelle Huppert) stirbt bei einem Autounfall. Wenn man so will, ist das der Nukleus von Joachim Triers „Louder Than Bombs.“ Zurück bleibt die Familie, die damit ringt das Davor und das Danach wieder zusammenzufügen. Sicher. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte sehr einfach. Jedoch ist der Film der beste Beweis dafür, dass es nicht auf den Plot ankommt, sondern auf die Art der Erzählung, der filmischen Erzählung. Joachim Trier hat bereits in seinen beiden Filmen zuvor – Reprise und Oslo, 31. August – bewiesen, dass er an den Dingen hinter den bloßen Tatsachen interessiert ist. Die Bilder werden zum Durchgang durch den Spiegel. Ein Poet der Kinos, der sich zum Glück von diesem in Deutschland so geliebten Realismus fernhält. Durch die Stilmittel der poetischen Überhöhung und das freie flotieren der Erzählerstimmen, entspinnt sich eine komplexe Geschichte um Verantwortung, Schuld und die Notwendigkeit der Narration als Zugang zur Welt.

louder-than-bombs-01

Jahre nach dem Tod der Mutter soll nun anlässlich einer Retrospektive ein Artikel in der New York Times erscheinen, der die scheinbare Wahrheit über den Unfall offenlegt: Es war Selbstmord. Während Jonah (Jesse Eisenberg) und Vater Gene (Gabriel Byrne) schon lange von dieser Möglichkeit wissen, glaubt Conrad (Dein Druid) immer noch an einen Unfall: Er war noch zu jung, man wollte ihn vor der Wahrheit schützen.

In den Augen des Vaters und des älteren Bruders ist Conrad in einer schwierigen Phase – schweigsam, sensibel und ohne Freunde. Bis zu einem bestimmten Punkt lenkt auch Trier den Zuschauer in diese Richtung. Doch Stück für Stück offenbart sich, dass der eigentlich etablierte Jonah und Vater Gene mehr Probleme mit dem Tod der Mutter haben, als Conrad: Der leidet eher an dem Unwissen, denn er ahnte die Traurigkeit seiner Mutter schon früh. Immer wieder imaginiert er mögliche Unfallszenarien, die in einer traumhaften Schönheit gefilmt sind, schrecklich und ästhetisch zugleich. Conrad ringt um einen Zugang zur Welt – er ist das Zentrum des Films, der immer wieder in die Vorstellung der Jungen eintaucht und das Klischee des Außenseiters umkehrt. Jonah ist viel einsamer, weil er einem Ideal hinterherläuft. Junger Soziologieprofessor, erfolgreich, schöne junge Frau mit einem süßen Baby. Doch bereits die erste Szene zeigt ihn unfähig, seiner Frau ein Essen mit ins Krankenhaus zu bringen. Hilflos irrt er durch die Gänge des Gebäudes auf der Suche nach einem Sandwich und man ahnt, da irrt jemand durch sein scheinbar perfektes Leben – einsam und verlassen inmitten der Menschen. Zufällig trifft er dort auf seine erste Liebe und die Möglichkeit eines anderen Lebens bricht herein: Was wäre wenn? Die gescheiterte Ehe seiner Eltern überlagert sich mit seiner Furcht, wie die Mutter zu sein. So löscht er das Bild auf der letzten Speicherkarte der Mutter, dass sie mit ihrem Liebhaber zeigt, nur um umso mehr wie seine Mutter zu werden. Die eigene kleine Familie rückt in die Distanz und der Betrug hält Einzug.

Der Umgang mit den Erzählstimmen ist virtuos. Sie eröffnen einen Raum der poetischen Erweiterung, in der wir ständig leben: Die Mutter erzählt aus dem Off – Interviews aus einer Dokumentation –, der Liebhaber der Mutter erzählt dem Vater von der Affäre und wie als würden sich die Stimmen liebkosen, stimmt Isabelle mit ein: Ist es Gene der in den Worten seines Gegenübers die Worte seiner toten Frau vernimmt? Was ist Wahrheit, was Poesie? Können wir in einer Welt leben, ohne sie uns poetisch anzueignen?

Louder than Bombs Poster_kleinneu.jpg

Am deutlichsten wird dieses Prinzip im romantischen Spaziergang Conrads mit seiner Angebeteten. Nach einer wilden Party begleitet der Junge das kokette Mädchen nachhause. Die Sonne geht auf und taucht die leeren Straßen in ein warmes Licht. Ein Urinbächlein wird zu einer Berührung, die eine Erkenntnis in Conrad auslöst: Egal wie sehr er es sich wünscht, er wird dieses Mädchen nicht bekommen, das gerade hinter einem Auto in einer Hauseinfahrt uriniert. Die horizontale Fließrichtung des Urins und die vertikale der Tränen.

Dennoch liegt kurzer Moment der Intimität in dieser letztlich unschuldigen Begegnung. Dann setzt die Stimme aus dem Off ein: Er wird sich noch lange an diesen Moment erinnern, sagt das Mädchen. Sie erzählt ihre Geschichte, davon dass sie sich zwar verabredet haben, dass sie sich dann aber doch kein Interesse hatte. Woher kommt diese Stimme? Woher kann sie über Conrads Zukunft sprechen, wenn sich ihre Wege doch noch man selben Morgen trennen werden? Es ist Conrad der durch das Mädchen hindurchspricht und diesen Moment aus dem bloßen Ablauf herauslöst, in dem er im einen poetischen Wert verleiht und bei sich bleibt ohne den Augenblick zu zerstören. Er eignet sich die Welt an – ob sie nun traurig ist oder nicht. Ein zauberhafter Moment jugendlicher Romantik, der über jedes Klischee der Teenagerliebe im Kino erhaben ist.

Und natürlich ist da die politisch-ethische Ebene. Isabelle leidet an ihrer Arbeit. Leistet man Aufklärung oder macht man am Ende nur Bilder, die als ästhetisches Beiwerk unsere Zeitungen schmücken? Der Kitsch des Grauens fordert jedenfalls seinen Preis, denn der Zugang zum normalen Leben ist versperrt. Als würde die Kamera immerzu die Distanz halten. Dieser Wechsel aus Gefahr und Familienleben zerreißt die Photographin. Am Ende – wer weiß – bringt sie sich um. Das Private war gefährlicher als das Business. Vom Leid ihrer Söhne kann sie sich keine Bilder mehr machen. Nun haben die Söhne die Aufgabe sich ein Bild von der Mutter zu machen, um selbst wieder ins Leben zu finden. Letztlich bleibt es offen, ob es wirklich Selbstmord war. „The truth – what is the truth?“, fragt Jonah seinen Vater und bringt die Sache auf den Punkt. Es geht letztlich nicht darum was genau passiert ist, sondern darum, wie man es interpretiert oder poetisiert.

Link zum Trailer.