Schutz der deutschen Frau! – Rassismus unter feministischen Deckmantel

Die Debatte um die Vorfälle am Hauptbahnhof in Köln grenzt ans Hysterische. Darauf scheinen manche ja nur gewartet zu haben. Endlich darf der deutsche Mann die arme deutsche Frau wieder beschützen, sich männlich fühlen – es riecht nach Testosteron.

Pegida und AfD liegen sich in den Armen und freuen sich insgeheim über die begangenen Verbrechen. Sie spielen allen, die an der proklamierten Willkommenskultur zweifeln, in die Karten: Flüchtlinge unter den Tätern! Wir haben es immer gewusst! Hier ist der Beweis! Jackpot quasi.

Die Art der Vergehen stärkt die rhetorischen Abwehrkräfte der rassistischen Rede: Es wurden schließlich Frauen angegriffen und folglich wird jeder Versuch einer kühlen Analyse und Differenzierung mit einem moralischen Verdikt belegt. Unter dem Deckmantel der Frauenrechte kann nun jeder dem fröhlichen Rassismus frönen: Von einem kleinen Teil von Idioten wird auf alle Flüchtlinge geschlossen, die Herkunft pathologisiert. Jakob Augstein hat dazu alles gesagt:

„Der Fremde und seine bedrohliche Sexualität – das ist das älteste Vorurteil des Rassismus. Und gerade der Orient war seit jeher der Ort für eigene sexuelle Projektionen. Schleier und Tänze, Harem und Badehaus – und natürlich die Vielehe – versprachen eine andere Sexualität, freier, mit weniger Schuld. Der triebhafte Araber ist ebenso eine Erfindung des Westens wie der schamlos-lüsterne Jude.“

In der Wut des Masse zeigt sich die Angst vor dem Anderen. Der Reflex sich einzuschließen, die Grenze jetzt dicht zu machen, geistert durch die Debatte. Europa soll die Insel der Glückseligen bleiben. Ökonomisch gesehen ist Globalisierung vollkommen erwünscht (wobei sich auch hier seltsame Auswüchse rechter Globalisierungskritik zeigen). Kulturell hingegen soll alles so bleiben wie es ist. Plötzlich werden europäische Werte hochgehalten, wobei ich mich frage, ob Europa nur ein Deckname für Deutschland ist und der Wert von Werten eigentlich allen klar ist. Denn als es um Griechenland ging, da war Europa auch egal. Ebenso die hohe Arbeitslosigkeit junger Menschen – so lange egal, bis der Fremde kommt, der Flüchtling. Der nimmt dann allen den Arbeitsplatz weg. Dann spielen wir die Gruppen gegeneinander aus. Und dieser Gruppenspielertrick wird nun eben auch mit den Frauen gespielt: Vorher war es dem Mainstream egal, ob Frau bei Karneval und Oktoberfest begrapscht und sexuell belästigt wurden. Wenn es der deutsche Mann macht, dann ist es doch vollkommen okay, schließlich sind wir ja unter uns. Aber ach ach – es gibt doch kaum Anzeigen, was beweist, wie artig es auf unseren Festen so zu geht. Das ist das Gegenargument, wie es auch Jan Fleischhauer bedient:

„Für alle, die ihre Informationen nicht aus alternativen Quellen beziehen, sondern sich auf die Auskunft der Münchner Polizei verlassen, hier deren Zahlen: 2008 registrierten die Behörden auf dem Oktoberfest vier Vergewaltigungen, 2009 waren es sechs, 2014 zwei. Im vorigen Jahr gab es ebenfalls zwei Taten – bei sechs Millionen Besuchern an insgesamt 16 Wiesentagen. Mit der Dunkelziffer, die wie jede Dunkelziffer viel höher ist, kann man alles beweisen.“

In solchen Fällen bleibt man also wieder bei den Fakten. Nur weil es keine Anzeigen gibt, gibt es auch das Problem nicht. Was nicht registriert wird, ist auch nicht. #beenrapednotreported zeigt die unendlichen Gründe, warum es so schwer ist eine Vergewaltigung anzuzeigen. Für sexuelle Übergriffe gilt analoges. Hab dich nicht so Schätzchen, deine Brüste waren eben so anziehend – so spricht es.

Köln hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass die Opfer sich nicht als Einzelfälle wahrnehmen, um schließlich Anzeige zu erstatten. Aber das ist nicht immer so willkommen, wie es derzeit erscheint. Der Fall Brüderle wurde von einer großen Zahl belächelt. Das hysterische Weib soll sich freuen, wenn es ein Kompliment bekommt. Die Rede von der sogenannten rape culture wird nicht ernst genommen. Vergewaltigung ist immer nur ein Einzelfall, ein Verbrechen, für die breite Öffentlichkeit nicht weiter von belang. Der Alkohol enthemmt, ein bisschen Spaß muss sein. Bloß keine Prüderie, schließlich ist die Ausgelassenheit Teil der Kultur: Die Krüge … hoch! Wehe wenn der Täter aus einem anderen Kulturkreis stammt. Dann wird die Tat zum Menetekel für den Untergang, für das Scheitern von Integration und ( der bislang ja nur proklamierten) Willkommenskultur.

Es geht um die Rechte der Frau. Um unsere Frauen, die von fremden Männern bedrängt und missbraucht werden. Ja genau. Aber eben nicht so wie es gerade getan wird. Denn die Opfer dieser Nacht werden ein zweites Mal – nun argumentativ – benutzt.

Den Kommentatoren, die sich nun empört in die Debatte einschalten, sind die Frauenrechte nur ein Mittel zum Zweck. Es geht um den Ausländer. Nein: Es geht gegen den Ausländer. Punkt. Der Gast hat sich eben mehr zu benehmen, sich mehr anzustrengen – ja, der Gast muss immer doppelt so sehr Deutscher sein, wie die anderen Bürger. Ich nenne das die Pathologisierung der Herkunft: Ein Verbrechen ist  schlimmer, wenn es von einem Ausländer, einem Migranten, einem Flüchtling begangen wurde. Es ist ja so einfach, wenn man davon ausgeht, man habe das Problem importiert. Dabei war es immer schon da:

„Feminist_innen kritisieren das ganze Jahr, dass wir nicht genügend über Sexismus sprechen, dass sexualisierte Gewalt tagtäglich passiert und wir ein so großes gesamtgesellschaftliches Problem trotzdem kaum öffentlich diskutieren, geschweige denn Lösungen thematisieren.“

Fakt ist doch: Das Recht auf Asyl muss unabhängig von den Straftaten betrachtet werden. Straftaten gilt es zu bestrafen, dafür gibt es Gesetze, die für alle gelten – unabhängig von Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht. Dafür gibt es Gesetze und keine Ausnahmen. Aber warum muss man das überhaupt immer betonen?

Ein anderes Thema wäre jetzt viel wichtiger: Das Sexualstrafrecht muss nachgebessert werden. Alles andere sind Scheinmanöver, die uns vorgaukeln sollen, die Regierung würde schnell handeln. Sexuelle Gewalt und Missbrauch betrifft aber nicht nur die deutsche Frau meine lieben Herren: Sie trifft all jene, die nicht ins das Schema der Masse passen, die schutzloser sind, sogenannte Randgruppen (was für ein scheußliches Wort!). Und: Missbrauch beginnt nicht erst mit einer Berührung. Sie beginnt in der Sprache, mit dem Wort und dem Bild. Nichts ist so unerträglich, wie der Missbrauch von Missbrauch für rassitische Zwecke. Damit wird das Engagement von Genderaktivist_Innen, Feministin_Innen und allen queer-linken Bestrebungen mit Füßen getreten. Georg Diez hat recht: Wer Frauen schützt, muss auch Flüchtlinge schützen. Denn Werte sind nur dann Werte, wenn sie offen für jederfrau sind, wenn sie universal gelten. Und dann geht es letztlich auch nicht nur um Frauen, wenn es um den Schutz vor sexueller Gewalt geht, sondern um alle verletzlichen Subjekte.

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