Die französische Journalistin Cécile Calla hat sich kürzlich in der Süddeutschen Zeitung zu den Übergriffen in Köln geäußert und versucht der Debatte einen französischeren Ton zu geben, eine französischere Perspektive einfließen zu lassen. Bei aller guten Absicht, (Calla wendet sich gegen die Vermischung der Übergriffe mit Terror und sieht in der Schließung der Grenzen keine Lösung) ist der Text durchaus problematisch. Es fehlt der Wille, sich mit der komplexen und widersprüchlichen Realität auseinanderzusetzen, weil die Widersprüchlichkeiten die eigenen Antworten zu zerreißen droht, die eigene Weltsicht ins Wanken gerät. Gute Feministin, böse Welt. So einfach ist die Gleichung nicht. Wir sollten uns davor hüten, vorschnell den eigenen Ort der Rede, die eigene Identität zu schützen. Dafür sind die Dinge zu sehr miteinander verwoben, hängt alles miteinander zusammen. Legen wir diese Verwicklung und Schichtungen nicht auseinander, werden wir blind gegenüber dem Anderen, gegenüber der ethischen Verpflichtungen in und gegenüber der Welt.

Demokratie bedeutet Auseinandersetzung. Überall ist nun zu hören, dass unsere Demokratie durch die Einwanderung in Gefahr sei und der Wille des Volkes nicht mehr gehört werde. Wie in Gottes Namen sollen wir uns um all die Menschen kümmern, wenn wir doch selbst so viele arme Menschen haben? Bitte Frau Wagenknecht, Sie haben das Wort: Arbeit und Wohnungen erstmal für die deutschen Bürger. Das ist schon interessant: Das bricht das Reale in die Fiktion der Politik, in die Verwaltung herein und alles was unserer Elite einfällt – alte Formeln. Die Demokratie ist kein starres Gebilde und nicht bloß eine institutionelle Form, ein Ritual des Wählens. Sie ist eine Aufgabe, eine Debatte, ein Streit um die Aufteilung des Sinnlichen: Wer lebt in welchen Räumen, auf welche Art und Weise und mit welchen Rechten.

Eine offene Debatte ist notwendig. Eine offene Demokratie lebt von der Debatte. Der oft auch links-naive Gestus, man könne einfach eine unliebe Meinung ausschließen (wie jetzt in Rheinland-Pfalz geschehen oder wohl auch in NRW: Stichwort AfD) und sie somit aus der Welt schaffen, führt direkt das schmerzende Herz der Demokratie, von Jacques Derrida in seinem Buch Schurken als Autoimmunerkrankung bezeichnet: Zum Schutz der demokratischen Werte, wendet sich die Demokratie gegen ihre eigenen Prinzipien, gegen sich selbst. Eine schwerwiegende Frage: Was tun, wenn eine antidemokratische Kraft von den Bürgerinnen und Bürger gewählt wird und sich dann daran macht, die Bedingung der Möglichkeit für den eigenen Wahlsieg abschafft (Stichwort Polen)? Was tun mit der AfD, die mittlerweile so offen Rassistisch agiert (Höcke), dass sie eigentlich nicht tragbar sind? Ich denke, man muss sich diesen Debatten stellen, so schwer sie auch sind und so sehr die Gefahr droht, diesem Gedankengut eine Plattform zu bieten. Man muss auch über das Frauenbild im Islam reden. Sicher.

Es müssen auch unangenehme Dinge zur Sprache kommen. Ich sage es erneut: Das Frauenbild im Islam muss ebenso diskutiert werden. Aber ohne jegliche Verallgemeinerung – ohne Verallgemeinerung in beide Richtungen. Weder darf man davon ausgehen, dass es den einen Islam gibt, noch dass unsere Ordnung, unsere Gesellschaft keine Probleme hat: Es gilt die Komplexität der Welt zu erfassen und sich nicht nur bei den Fakten zu bedienen, die einem gerade nützlich sind, um das eigene Weltbild zu stützen.


Frau Calla bemüht sich um Differenzierung, nur um dann doch wieder die einfache und vom Bürger so gern gehörte Geschichte der Burka als Zeichen der Unterdrückung zu erzählen:

„Es ist dabei völlig unzureichend, nur auf polizeiliche Fehler, auf Mängel des Strafrechts und der Justiz aufmerksam zu machen. Videokameras und eine Verschärfung des Asylrechts allein werden dieses Problem nicht lösen. Vorausgesetzt, die Ermittlungen bestätigen, dass fast alle Täter Zuwanderer und Asylbewerber waren, ist eine Debatte über die Integration, über Zuwanderungspolitik und über Grundwerte unentbehrlich. Vielleicht muss Deutschland auch nochmals über seine Toleranz gegenüber dem Kopftuch und insbesondere der Burka nachdenken, Symbolen, die das Bild einer unterworfenen Frau verkörpern.“

Kopftuch und Burka sind Zeichen. Das ist völlig richtig. Aber Zeichen können viel bedeuten, je nach dem in welchem Kontext sie auftauchen, welchen Kontext sie selbst eröffnen (die alte Aporie des Kontextes: Wenn der Kontext die Bedeutung stützt, dann ist der Kontext aber eben durch jene Zeichen bestimmt, die in ihm auftauchen und die Zeichen werden zum Kontext des Kontexts usw. Es kommt auf die Perspektive an) und wer die Zeichen mit Leben füllt. Die Burka ist auch ein Zeichen von Zugehörigkeit, von Identifikation und Tradition und wird mitnichten nur als Unterdrückung angesehen: Wenn man sich also wie Frau Calla auf die Burka als Zeichen bezieht, muss man auch die Polysematik in den Blick nehmen. Alles andere führt nur dazu wesentliche Faktoren zu übersehen und mitunter das Gegenteil dessen zu erreichen, was man eigentlich will: Denn verbietet man Kopftuch und Burka, mag zwar das westlich-feministische Gewissen beruhigt sein, weil man mit den Zeichen des Fremden nicht mehr konfrontiert ist, sorgt aber – im schlimmsten Fall – gleichzeitig dazu, dass muslimische Frauen das Haus nicht mehr verlassen können. Weitere Distanzierung ist die Folge. Man beraubt den Frauen einer Möglichkeit, sich innerhalb der Macht gegen die Macht zu wenden. Außerdem nützt es nichts, ein Verbot auszusprechen – paternalistisch-maternalistisch die Burka vom Laib zu reißen. Es muss aus dem inneren der muslimischen Welt selbst kommen, sonst kippt die befreiende Geste in eine der Gewalt um.

Interessant ist, wie selbstbewusst der Text die eigenen Widersprüche übersieht: Glaube nur der Statistik, die deiner politischen Agenda nützt. In Bezug auf die Vorfälle in Frankreich 2003 schreibt sie:

„Obwohl die Statistik keine Zunahme kollektiver Vergewaltigungen zeigte, wandelte sich das öffentliche Bewusstsein in Sachen sexueller Gewalt und Sicherheit, wovon auch der rechtsextreme Front National profitierte. „

Trotz fehlender Abbildung in der Statistik, änderte sich die Sichtweise auf sexuelle Gewalt. Man könnte auch sagen, die Bedrohung, die latente Stimmung wurde plötzlich wahrgenommen. Eigentlich wäre dieser Absatz durchaus auf die Situation in und um herum Köln anwendbar: Köln ist der Ausnahmezustand, der sich jedoch nicht in der allgemeinen Statistik der Straftaten widerspiegelt. Doch in Verbindung mit dem dritten Absatz wird die ganze Sache durchaus kompliziert: Gab es eine Zunahme der Übergriffe, oder nicht?

„Sexuelle Übergriffe sind aber keineswegs nur auf Vororte begrenzt. Sie finden am Arbeitsplatz, in Bussen und Bahnen und mitten in Paris statt. Sie warten auf die Métro und plötzlich streckt Ihnen ein Mann die Zunge raus und sagt Ihnen wie „geil“ er Sie findet. Oder im Gedränge des Waggons fasst Ihnen jemand zwischen die Beine. Nahezu jede Französin muss mindestens einmal in ihrem Leben eine solche Demütigung ertragen. Trotzdem dauerte es lange, bis die Politik sich dafür verantwortlich fühlte. Erst vergangenen November startete die Regierung eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung.“

Calla scheint sich nicht dafür zu interessieren. Zumindest bleibt der Text hier ungenau. Was eigentlich kein Problem ist, da die Dunkelziffer bei sexueller Gewalt hoch ist und Gesetzeslücken viele Vergehen überhaupt nicht juristisch wahrnehmbar gemacht haben. Auch wenn die Statistik den Umgang mit Frauen nicht widerspiegelt, so kann man Calla bis zu diesem Punkt lesen, sagt das nichts über die Realität aus, nichts über den sozialen Raum, der immer noch von Männern bestimmt ist. Übergriffe gibt es nicht nur in den Vororten. Sie mögen ihre Erscheinung ändern, aber es gibt sie in allen gesellschaftlichen Schichten und nicht nur in den Banlieus, nicht nur unter Migranten. Aber …

Nun. Einige Zeilen später bricht der Text vollkommen mit seiner Linie – wenn er denn je eine Linie hatte. Spielte die Statistik für Calla in Frankreich keine Rolle, so passt ihr der feministische Versuch überhaupt nicht, die rassistische Instrumentalisierung von Köln mit einem Verweis auf Übergriffe an Karneval und auf dem Oktoberfest abzuwehren:

„Daher verstehe ich die Empörung und Fassungslosigkeit vieler Menschen nach dieser Silvesternacht. Deutsche Städte sind an so etwas nicht gewöhnt. Mein Verständnis hört aber auf, wenn manche Feministinnen die sexuelle Gewalt in Köln als einen Vorfall unter vielen darstellen, oder Vergleiche mit dem Oktoberfest oder dem Karneval ziehen. Was sich in Köln und anderen Städten abspielte, erreichte eine Dimension und Intensität, die ihresgleichen sucht. In ein paar Stunden und auf engsten Raum erleben mehr als 200 Frauen sexuelle Übergriffe. Beim Oktoberfest im vorigen Jahr mit 5,9 Millionen Besuchern hat die Münchner Polizei 26 Anzeigen wegen sexueller Straftaten registriert. Damit sind wir weit weg von „No-go-Areas“.“

Köln ist für Calla der Ausnahmezustand und an dem soll sich der Souverän nun beweisen. Jetzt gilt es zu reagieren. Freund und Feind sind klar bestimmt. Da passt das negative Bild des grapschenden Oktoberfestbesuchers nicht hinein. Der trübt die scheinbare Klarheit der Komposition: Die Gefahr ist importiert. Kümmert man sich angemessen, d.h. mit harter Hand um die Asylanten, hat man auch keine Probleme mehr.

Aber warten sie mal:  Obwohl die Statistik keine Zunahme kollektiver Vergewaltigungen zeigte, wandelte sich das öffentliche Bewusstsein in Sachen sexueller Gewalt und Sicherheit, wovon auch die AfD und Pegida profitierten.

Hmm … Schwierig.

An einen anderen Punkt hat Frau Calla wohl auch noch nicht gedacht: Die hohe Zahl der Anzeigen ist auch darauf zurückführbar, dass diese Übergriffe auch als Übergriffe thematisierbar waren und nicht abgetan wurden. Es ergab sich der Raum, diese Dinge anzusprechen, weil sie bereits ausgesprochen wurden. Während die grapschende Hand auf dem Oktoberfest nur ein Ausnahmefall und schwer anzuzeigen ist, so ergab sich hier der Raum einer kollektiven Bewusstwerdung. Oder mit ihren eigenen Worten: Es entstand öffentlichen Bewusstsein in Sachen sexueller Gewalt und Sicherheit. Die Aufrufe der Polizei, weitere Vorfälle anzuzeigen, das gewaltige Medienecho, waren eine Ermutigung/Ermöglichung, die andernorts fehlt. Wenn der alte Herr auf dem Oktoberfest seine Hände nicht bei sich behalten kann, dann wird darüber hinweggesehen. Theoretischer ausgedrückt: Der Diskurs hat sich verschoben und die Bedingung der Möglichkeit für eine Anzeige ermöglicht – was gut ist, denn endlich entsteht ein öffentliches Bewusstsein in Sachen sexueller Gewalt und Sicherheit. Und soviel zur Dunkelziffer, für die es natürlich keine Zahlen gibt, aber hinreichende Argumente.

Callas Logik funktioniert in ihrer Feinmechanik ziemlich einfach: Ihr habt keinen Strauß-Kahn, damit sei bewiesen, bei bei euch eigentlich alles im Lot ist und es eben nur der böse böse Ausländer ist, der diesen schöne Land zerstört:

„Ich hoffe, dass dieses Land, in dem ich seit zwölf Jahren gern lebe, weiter ein freundliches, besonnenes und zuversichtliches Gesicht zeigen wird.“

Köln ist nicht der große Ausnahmefall. Nicht das Menetekel für die Flüchtlingsfrage. Der Kölner Hauptbahnhof ist nicht der Ort, an dem sich an Silvester das Tor zur arabischen Hölle geöffnet hat und eine Horde von lüsternen Arabern heraustrat, um die deutsche Frau zu überfallen. Sicher – nur um das klar zu stellen – die Vorfälle sind schlimm. Schlimm genug, dass man die Opfer ein zweites Mal missbraucht – als Träger_Innen für Rassismus.

Sexuelle Übergriffe müssen verfolgt werden. Doch gibt es leider nur unzureichende Gesetze. Das Sexualstrafrecht muss verschärft werden. Die absurden Urteile sind kaum mehr aufzuzählen. Es sei aber auch gesagt: Dem Großteil der sich echauffierenden Menschen geht es nicht um die Frauen, sondern um die eigene Sache – ach, sagen wird doch, um das eigene Revier, das es zu markieren gilt. Darauf sage ich: Aber hier Leben, nein Danke!

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