Poetische Überhöhung – Joachim Triers „Louder Than Bombs“

Die Kriegsphotographin Isabelle (Isabelle Huppert) stirbt bei einem Autounfall. Wenn man so will, ist das der Nukleus von Joachim Triers „Louder Than Bombs.“ Zurück bleibt die Familie, die damit ringt das Davor und das Danach wieder zusammenzufügen. Sicher. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte sehr einfach. Jedoch ist der Film der beste Beweis dafür, dass es nicht auf den Plot ankommt, sondern auf die Art der Erzählung, der filmischen Erzählung. Joachim Trier hat bereits in seinen beiden Filmen zuvor – Reprise und Oslo, 31. August – bewiesen, dass er an den Dingen hinter den bloßen Tatsachen interessiert ist. Die Bilder werden zum Durchgang durch den Spiegel. Ein Poet der Kinos, der sich zum Glück von diesem in Deutschland so geliebten Realismus fernhält. Durch die Stilmittel der poetischen Überhöhung und das freie flotieren der Erzählerstimmen, entspinnt sich eine komplexe Geschichte um Verantwortung, Schuld und die Notwendigkeit der Narration als Zugang zur Welt.

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Jahre nach dem Tod der Mutter soll nun anlässlich einer Retrospektive ein Artikel in der New York Times erscheinen, der die scheinbare Wahrheit über den Unfall offenlegt: Es war Selbstmord. Während Jonah (Jesse Eisenberg) und Vater Gene (Gabriel Byrne) schon lange von dieser Möglichkeit wissen, glaubt Conrad (Dein Druid) immer noch an einen Unfall: Er war noch zu jung, man wollte ihn vor der Wahrheit schützen.

In den Augen des Vaters und des älteren Bruders ist Conrad in einer schwierigen Phase – schweigsam, sensibel und ohne Freunde. Bis zu einem bestimmten Punkt lenkt auch Trier den Zuschauer in diese Richtung. Doch Stück für Stück offenbart sich, dass der eigentlich etablierte Jonah und Vater Gene mehr Probleme mit dem Tod der Mutter haben, als Conrad: Der leidet eher an dem Unwissen, denn er ahnte die Traurigkeit seiner Mutter schon früh. Immer wieder imaginiert er mögliche Unfallszenarien, die in einer traumhaften Schönheit gefilmt sind, schrecklich und ästhetisch zugleich. Conrad ringt um einen Zugang zur Welt – er ist das Zentrum des Films, der immer wieder in die Vorstellung der Jungen eintaucht und das Klischee des Außenseiters umkehrt. Jonah ist viel einsamer, weil er einem Ideal hinterherläuft. Junger Soziologieprofessor, erfolgreich, schöne junge Frau mit einem süßen Baby. Doch bereits die erste Szene zeigt ihn unfähig, seiner Frau ein Essen mit ins Krankenhaus zu bringen. Hilflos irrt er durch die Gänge des Gebäudes auf der Suche nach einem Sandwich und man ahnt, da irrt jemand durch sein scheinbar perfektes Leben – einsam und verlassen inmitten der Menschen. Zufällig trifft er dort auf seine erste Liebe und die Möglichkeit eines anderen Lebens bricht herein: Was wäre wenn? Die gescheiterte Ehe seiner Eltern überlagert sich mit seiner Furcht, wie die Mutter zu sein. So löscht er das Bild auf der letzten Speicherkarte der Mutter, dass sie mit ihrem Liebhaber zeigt, nur um umso mehr wie seine Mutter zu werden. Die eigene kleine Familie rückt in die Distanz und der Betrug hält Einzug.

Der Umgang mit den Erzählstimmen ist virtuos. Sie eröffnen einen Raum der poetischen Erweiterung, in der wir ständig leben: Die Mutter erzählt aus dem Off – Interviews aus einer Dokumentation –, der Liebhaber der Mutter erzählt dem Vater von der Affäre und wie als würden sich die Stimmen liebkosen, stimmt Isabelle mit ein: Ist es Gene der in den Worten seines Gegenübers die Worte seiner toten Frau vernimmt? Was ist Wahrheit, was Poesie? Können wir in einer Welt leben, ohne sie uns poetisch anzueignen?

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Am deutlichsten wird dieses Prinzip im romantischen Spaziergang Conrads mit seiner Angebeteten. Nach einer wilden Party begleitet der Junge das kokette Mädchen nachhause. Die Sonne geht auf und taucht die leeren Straßen in ein warmes Licht. Ein Urinbächlein wird zu einer Berührung, die eine Erkenntnis in Conrad auslöst: Egal wie sehr er es sich wünscht, er wird dieses Mädchen nicht bekommen, das gerade hinter einem Auto in einer Hauseinfahrt uriniert. Die horizontale Fließrichtung des Urins und die vertikale der Tränen.

Dennoch liegt kurzer Moment der Intimität in dieser letztlich unschuldigen Begegnung. Dann setzt die Stimme aus dem Off ein: Er wird sich noch lange an diesen Moment erinnern, sagt das Mädchen. Sie erzählt ihre Geschichte, davon dass sie sich zwar verabredet haben, dass sie sich dann aber doch kein Interesse hatte. Woher kommt diese Stimme? Woher kann sie über Conrads Zukunft sprechen, wenn sich ihre Wege doch noch man selben Morgen trennen werden? Es ist Conrad der durch das Mädchen hindurchspricht und diesen Moment aus dem bloßen Ablauf herauslöst, in dem er im einen poetischen Wert verleiht und bei sich bleibt ohne den Augenblick zu zerstören. Er eignet sich die Welt an – ob sie nun traurig ist oder nicht. Ein zauberhafter Moment jugendlicher Romantik, der über jedes Klischee der Teenagerliebe im Kino erhaben ist.

Und natürlich ist da die politisch-ethische Ebene. Isabelle leidet an ihrer Arbeit. Leistet man Aufklärung oder macht man am Ende nur Bilder, die als ästhetisches Beiwerk unsere Zeitungen schmücken? Der Kitsch des Grauens fordert jedenfalls seinen Preis, denn der Zugang zum normalen Leben ist versperrt. Als würde die Kamera immerzu die Distanz halten. Dieser Wechsel aus Gefahr und Familienleben zerreißt die Photographin. Am Ende – wer weiß – bringt sie sich um. Das Private war gefährlicher als das Business. Vom Leid ihrer Söhne kann sie sich keine Bilder mehr machen. Nun haben die Söhne die Aufgabe sich ein Bild von der Mutter zu machen, um selbst wieder ins Leben zu finden. Letztlich bleibt es offen, ob es wirklich Selbstmord war. „The truth – what is the truth?“, fragt Jonah seinen Vater und bringt die Sache auf den Punkt. Es geht letztlich nicht darum was genau passiert ist, sondern darum, wie man es interpretiert oder poetisiert.

Link zum Trailer.

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