Kritik der Authentizität

Der Zweifel an den Medien ist eines der Symptome der zunehmenden Nationalisierung. Hinter all dem steckt ein Authentizitätswahn, die Sehnsucht nach direkten Äußerungen. Jeder Versuch diesen Wahn zu befriedigen wird notwendigerweise scheitern. Das Motto aller Medien muss lauten: Mut zu Komplexität und Haltung.

Der Kampf gegen die zunehmende Radikalisierung, gegen die Verrohung des Umgangstons und damit gegen brennende Flüchtlingsunterkünfte, ist auch ein Kampf um den Wert und die Wirkung von Nachrichten und Bildern. Genau genommen also um deren Status. Nichts anderes bedeutet die Rede von der sogenannten Lügenpresse. Wenn nahezu der gesamte Medienapparat von einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe in Frage gestellt wird, verliert die demokratische Öffentlichkeit ihrer wichtigsten Mittel – Aufklärung, Aufdeckung, Investigation. Zum Thema Lügenpresse wurden unzählige Artikel geschrieben. Wie immer gibt es darunter bessere und schlechtere. Georg Seeßlen ist mit seinen tiefgründigen Analysen im Freitag und in der Jungle World in neue Tiefenschichten vorgestoßen. Eine der zentralen Aussagen: Nachrichten haben sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernt, erschaffen vielmehr eigene Wirklichkeiten und dienen lediglich der Bestätigung und Konstruktion einer eigenen Weltsicht.

Die goldene Regeln: Komplexitätsreduktion und Emotionalität

Dies beginnt bereits mit den Kernelementen des heutigen Journalistenhandwerks – goldene Regeln vor allem für den Fernsehmacher: Ein Beitrag muss zugänglich sein und eine emotionale Geschichte erzählen. Am Ende wird der Inhalt einer vorgefertigten Dramaturgie untergeordnet, die zu immer gleichen Bilderfolgen führt. Man will schließlich, dass die Zuschauer nicht wegschalten. Werden die Dinge zu kompliziert, lassen sie sich nicht in Schwarz und Weiß einteilen, ist das mit der Weltbestätigung schon schwierig. Nicht umsonst haben sich die dritten Programme der regionalen Farbe verschrieben.

In Zeiten der algorithmischen Nachrichtenaufbereitung und der je nach Weltsicht zugeschnittenen Nachrichtenfeeds, potenziert sich dieses Problem der Abspaltung ins Unermessliche. Tendenzen gab es dazu schon immer. Der überzeugte Linke glaubte nur der Zeitung seines Vertrauens, wie der Konservative nicht jedes Schmierblatt in die Hände nahm. Für eine kritische und informierte Öffentlichkeit braucht es aber Pluralität. Diese gilt aber nicht nur für die Produzenten. Auch der Rezipient muss sich zum pluralen Leseverhalten zwingen. Sonst kippt man zurück in die Ideologie. In der digitalen Gegenwart haben sich die Stimmen multipliziert. Blogs, Foren und soziale Netzwerke, sie alle generieren Nachrichten. Mit diesen Nachrichten generieren sie eine neue Unübersichtlichkeit, eine Geschwindigkeit und als Gegenbewegung eine immer stärkere Abschottung bestimmter Gruppen: Komplexitätsreduktion.

Woher kommt dieser Zweifel?

Nachrichten brauchen Zeit und Reflexion, da sie sich sonst selbst überholen. Dann passiert das, was Georg Seeßlen als Hyperinformation bezeichnet: Die Nachricht richtet sich nicht mehr nach der Wirklichkeit, nach dem Widerstand des Realen – die Nachricht selbst ist das Ereignis. Man denke an die Nachricht von dem gestorbenen Lageso-Flüchtling oder an all die Opfer von Gewalt durch Flüchtlinge, die es niemals gegeben hat. All das ist in meinen Augen eine treffende Analyse der Gegenwart. Dennoch steht man immer noch vor einem Rätsel: Wann und wie hat das angefangen? Wann hat sich die Welt entwirklicht und warum haben wir das alles nicht gemerkt?

Die Wirkungsweise und die Funktion scheinen hinreichend beschrieben. Nun könnte man sagen, es liegt letztlich an der ideologischen Verblendung der AfD oder der Dummheit von Pegida-Demonstranten, die ihre nationale Eingrenzung in ihrem Medienkonsum medial vorwegnehmen: Da wollen einfach ein paar Bürger in ihrer heilen Welt nicht gestört werden.  Diese Argumentation macht es sich zu leicht und verschiebt das Problem nur. Es ist eine Ahnung, dass eine Sehnsucht nach Authentizität und affektiver Nachricht ein wesentlicher Schlüssel sein könnte. Das Internet hat uns nicht nur eine Vervielfältigung der Stimmen gebracht, es hat in uns allen einen Wunsch nach Authentizität geweckt, auf die eine oder andere Form. Direkte, ungefilterte Kommunikation, horizontale Machtverhältnisse und eine Überwindung der klassischen Nachrichtenproduzenten: das Volk ergreift die direkte Demokratie. Diese naive Utopie hat sich auf eine seltsame Weise verwirklicht.

Direkte Kommunikation gilt als authentisch

Der Erfolg von Bloggern und Youtubern liegt genau darin: Da spricht einer von uns, hinter dem kein Sender, keine große Institution steht. Das ist natürlich nicht selten ein Irrglaube, aber dennoch: Die mediale Inszenierung der Unmittelbarkeit erzeugt nun mal verführende Authentizitätseffekte. Da sitzen echte Menschen, die von echten Problemen schreiben, ihren echten Gefühlen Ausdruck verleihen und die in der Welt stehen, nicht in der Redaktionsstube sitzen. Liveschalten und Liveticker haben eine ähnliche Wirkung. Live vor Ort zu sein, ganz nah dran am Geschehen, wie bei der Räumung des Stadions in Hannover, bringt zwar kaum Inhalte oder Information, aber ein Gefühl von Realität. Da passiert etwas, genau jetzt, während wir hier vor dem Fernseher sitzen. Ist das nicht auch eine Form von Authentizität? Hier vergeht Zeit, wir sind direkt vor Ort und ihr könnt uns bei der Arbeit zusehen.

Alle anderen Formen, der Kommentar, die Reportage – letztlich alles, was in irgendeiner Weise mit textlicher oder bildlicher Montage und mit Redaktionen zu tun hat – steht im Verdacht der Meinungsmache: Da vergeht soviel Zeit, vom Ereignis bis zum geschrieben Wort, dass das unmöglich ohne Manipulation von statten gehen kann. Das ist zumindest der Verdacht. Der als Objektivität getarnten Subjektivität setzt man radikale Subjektivität entgegen.

Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch? Auch der authentische Youtuber gibt nur seine Meinung wieder. Dennoch wirkt das authentisch, weil der Ort des Sprechens ein anderer ist. Dieser mag nicht weniger inszeniert sein, aber eben auf eine andere Art und Weise: Authentisch eben, aus dem Bauch heraus. Die Lösung der etablierten Medien, insbesondere der öffentlich-rechtlichen Sender scheint eine inflationäre Verwendung des O-Tons zu sein. Wenn das Volk glaubt, wir wären zu weit von ihm entfernt, dann lassen wir eben das Volk zu Wort kommen – so die Losung. Es ist der Versuch, sich die verlorene Authentizität zurückzuholen: Am Ende produziert man Affektbilder, Affekttöne – Nachrichten aus dem Bauch heraus. Das unüberlegte Wort, das im Zorn geäußerte Fluchen, ist nicht einfach eine Einzelmeinung. Man kann sich darin einhaken, mit den eigenen Affekten. Insbesondere wenn der O-Ton nicht reflexiv eingeholt wird, keine Gegenposition bezogen wird, die Montage ausbleibt. Durch die mediale Rahmung wird dieses im Affekt gegebene Statement eines Augenzeugen zur authentischen Nachricht, zu einem Zeugnis und damit zur Wirklichkeit. Authentizität heißt direkt und aus dem Bauch heraus, ungefiltert, frei Schnauze.

Mit dieser Taktik erreichen die etablierten Medien das Gegenteil dessen, was sie eigentlich wollen. Doch die Sache ist noch viel schlimmer. Am Beispiel des Youtube-Kanals #Dreisechzich des WDRs zeigt, dass der Versuch den Vlog in das öffentlich-rechtliche System zu überführen letztlich nur schlechte Kopie wird: Man merkte, dass hier Authentizität hergestellt werden sollte und spürte, dass hinter den Gesichtern letztlich eine Redaktion stand. Nicht falsch verstehen. Ich fand das Experiment durchaus gelungen, denn eine Redaktion ist in Zeiten einer immer komplexer werdenden Welt notwendig. Die breite Masse fühlte sich aber nicht angesprochen. Für die Mehrheit sprach da immer noch das Establishment, versuchte sich der WDR nur hinter einem jüngeren Aussehen zu verstecken. Aber das ist gar nicht schlimm, denn man ist dem Konsumenten viel zu lang entgegengekommen und verliert, oh welch dialektische Wendung, immer mehr an Boden.

Haltung ist das Mittel

Überall ein menschelnder Zugang, eine emotionale Brücke und wenig Komplexität. Jeder Beitrag braucht eine Dramaturgie, muss gut gebaut werden, damit er sich verkauft, angeklickt wird, oder eine gute Quote bringt. Der Journalismus hat sich bisweilen selbst in eine unsägliche Abhängigkeit gebracht. Heute leben wir also in Zeiten des (Bauch)Gefühls, in der ein Misstrauen gegen die Arbeit der Journalisten alter Schule herrscht. Das Abwägen, Reflektieren und Recherchieren wird zum Auslaufmodell, zum Staatsfernsehen.

Wir müssen uns diesem Authentizitätswahn erwehren, indem wir die Haltung, die Reflexion, den Bericht und den Diskurs dagegenhalten und nicht aufhören die Authentizität als das zu entlarven, was sie letztlich immer sein wird: eine Inszenierung, ein mediales Konstrukt. Der Leser und der Zuschauer sind keine Konsumenten, die Ansprüche stellen können. Der einzige Anspruch, den es zu erfüllen gilt, ist der Anspruch die Probleme, Ereignisse und Diskurse – die Wirklichkeit – so angemessen wie möglich wiederzugeben. Ob diese Wirklichkeit den Wutbürgern passt oder nicht.

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Das dunkle Herz Deutschlands

Jetzt ist das Geschrei groß. An Bautzen und Clausnitz entzündet sich alles. Mit den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof war es ähnlich, wenngleich in die andere Richtung. Wird da noch munter unter dem Deckmantel der Sorge um die Frauen fröhlich dem Rassismus gefrönt, so wundern sich nun alle wie offen der Hass gegenüber Ausländern ausgelebt wird. Überall werden Parallelen zu Rostock gezogen, als würde das etwas erklären. Warum so weit zurückgehen, wenn man doch einfach mit dem Dom im Dorf bleiben kann. Spätestens die Debatte um Köln hat gezeigt, wie ungeschminkt die Menschenverachtung ihr Gesicht zeigt.

Die Talkshows der Republik haben aus diesen Affekten ihre Quote gezogen: Ändert Köln jetzt alles? Nein. Köln ändert nichts. Es war nur eine weitere Stufe der rassistischen Eskalation in einem Land, dass sich immer gern in weißer Weste gesehen hat. Hätte man einfach mal die Ermittlungsarbeiten der Polizei im NSU-Fall als strukturellen Rassismus ernst genommen, man hätte dort schon deutliche Anzeichen sehen müssen.

Jetzt haben sie eine neue Sau, die sie durch die Wohnzimmer treiben können. Das Sensationspendel schlägt auf die andere Seite. Damit da keine Missverständnisse aufkommen: Die Vorfälle in Bautzen und Clausnitz sind widerwärtig. Doch darum geht es mir nicht. Darüber wird bereits genug gesagt. Vieles davon ist aber ebenso Teil des Problems. Diese gespielte Überraschung, dieses Entsetzen wie es dazu nur kommen kann, hier in Deutschland. Wie kann sich hier nur sich die Geschichte wiederholen, wie als hätte man daraus nichts gelernt – all das ist ein Teil des Problems, das viel weiter reicht, als es die Erregung jemals zeigen könnte. Da gibt es nicht diesen einen Auslöser, kein Plötzlich ist es da. Der Rassist ist nicht vom Himmel gefallen. Pegida ist mehr das Symptom einer Krankheit, die viel tiefer liegt, die latent vor sich hin schwelte: Was wenn der Rassismus nie weg war? Das ist die unheimliche Frage, die mich umtreibt.

Der oberflächliche Humanismus der guten Bildung

Willkommen im dunkeln Herzen Deutschlands. Jahrelang wurde eine Gedenkkultur inszeniert, der Opfer der NS-Diktatur gedacht und die einstudierte Formel wiederholt, dass sich das niemals mehr wiederholen dürfe. In den Schulen hat man die Fakten gelernt und Gedichte der Großen gelesen – so oder so ähnlich muss Dressur aussehen. Wer jetzt an Martin Walser denkt, der irrt. Der hat in ein ganz anderes Horn geblasen. Mit dem Gedenken darf nicht Schluss sein, es darf aber gleichzeitig nicht zu einer bloßen Handlung auf der Oberfläche der guten Bildung verkommen. Vor allem aber darf man aus dieser Gewalt von damals kein einmaliges, einzigartiges und unvergleichliches Verbrechen machen. Dann wird daraus nämlich eine Insel, auf die man sich zurückzieht, um sich seines eigenen Humanismus zu versichern. Das Geschehene muss in seinen basalen Strukturen nachvollzogen werden: Der Hass auf den Anderen, auf das Fremde, um sich seiner eigenen Position sicher zu sein, um von der eigenen Machtergreifung abzulenken. Wie entsteht diese Gewalt, die aus dem anderen keinen Menschen mehr macht, der in einem Haus verbrennt, sondern nur noch einen Eindringling? Den Opfern von damals gedenken und im selben Atemzug ABER sagen.

Dieses schreckliche Aber

In der Schule musste ich das miterleben. 13 Klasse, Gedichtinterpretation, irgendetwas von Günter Eich. Der Titel ist mir entfallen. Ich kann mich nur erinnern, dass sich die Fingerkuppen bereits wieder schwarz färbten: Die Warnung vor der Wiederkehr. Bei der Diskussion über das Gedicht waren sie alle gute Antifaschisten. Das beherrschten sie alle aus dem Stegreif. Gute, aufgeklärte Schüler, die im Geschichtsunterricht ganz gut aufgepasst haben. Dann aber ging es um die Frage, ob die heutigen Generationen immer noch Schuld tragen. Sicherlich ist das eine philosophisch hochkomplexe Frage. Was heißt Schuld? Welchen Begriff von Schuld legt man der Debatte zugrunde? Kann man Schuld weitergeben? Unabhängig davon spielte sich ein unheimliches Schauspiel ab: Aus den sauberen Antifaschisten wurden plötzlich kleine Wutbürger. Die Rede von den Russen in im Dorf, von den Türken die uns die Arbeit wegnehmen und vom Großvater der ja soviel durchgemacht hat im Krieg. Es waren nicht alle, die so gesprochen haben. Ein Großteil hat geschwiegen. Ich war schockiert und bis heute muss ich an diesen Moment denken. Dieser nahtlose Übergang von demokratisch-aufgeklärten jungen Menschen, die sich vom Leid der Menschen in den Konzentrationslagern betroffen zeigen, hin zu geifernden Rassisten, die nichts aus all dem gelernt haben, was sie vorher so wunderbar vorgetragen haben. Überall roch es nach der Pathologisierung der Herkunft.

Der Rassismus war niemals weg

Vielleicht war dieser Geist niemals weg. Haben wir uns darüber schon mal Gedanken gemacht? Ist es heute nur so offensichtlich, dass wir es nicht mehr übersehen können? Die Geschichte widerholt sich, aber sie wird ein anderes Gesicht tragen. Da helfen all die auswendig gelernten Haltungen nichts, all die zu Festschmuck erstarrten Gesichter auf den Feiern: Wir müssen uns fragen, jeder für sich, ob wir die vielen kleinen, alltäglichen Desaster wohlwollend übersehen haben. Der Rassismus (auch der Antisemitismus) war nie weg. Er war vielleicht kleiner und versteckter, nicht so mobilisiert. Nun ist er da und wir haben ihm alle beim Wachsen zugesehen. Zeit, dass wir etwas dagegen tun. Ein erster Schritt ist es, die Flüchtlingskrise nicht mehr als Alibi durchgehen zu lassen. Nicht deswegen ist der unbescholtene Bürger besorgt – er war es schon immer.

 

Gedankensplitter (1): Tarantino

Quentin Tarantino ist ein Phänomen. Mit seinen Filmen lockt er Menschen ins Kino, denen sich schon bei der bloßen Erwähnung von Arthouse der Magen umdreht. Denn neben all dem Pop, dem Grove und den Zitaten, neben all dem Blut, der Gewalt und dem Humor, sind da auch noch diese unkonventionelle Dramaturgie, diese langen, verschlungenen Dialoge und kapriziösen Spielereien, die bei vielen anderen Regisseur_Innen als Eitelkeit ausgelegt werden. Tarantino mag im Mainstream angekommen sein. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Tarantino auch Mainstream ist. Ein wilder Hybrid aus Filmkunst, Pulp und Kinonostalgie.

Meister der kurzen Form

Die erste Stunde von The Hateful Eight spielt fast ausschließlich in einer Kutsche. Im eigentlichen Sinne passiert nicht viel. Es ist eine lange Exposition, in deren Verlauf Tarantino ein paar seiner Figuren einführt – langsam und gemächlich. Garniert mit herrlichen Dialogen, die mäandern und einen narrativen Raum neben der eigentlichen Handlung ergeben. Wenn man so will, ist das der Kern von Tarantinos Talent als Geschichtenerzähler: Er ist kein Erzähler von großen Geschichten, vielmehr ein Meister der kleinen Formen.

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Sagen wir es deutlich: Die Plots sind dürftig. Häufig sind es Rachegeschichten (Kill Bill, Inglorious Basterds, Django Unchained) oder ausgespielte Genrekonstellationen (The Hateful Eight, Deathproof). Tarantino braucht keine epischen Geschichten, er braucht ein grobes Handlungsgerüst. Daran hängt er dann, wie an einer Schnur, kleine kurze Geschichten: alltägliche Dialoge, die weit weg von der Handlung führen und den Zauber des Mündlichen feiern. Bravourös der Anfang von Pulp Fiction: Das Gespräch eines Gangsterpaares über das für und wider von Banküberfällen und Liquor Stores, alltäglich, nebenbei und dann: Everybody be cool this is a robbery! Das ist wahre Liebe.

Tarantino ist ein Meister der kurzen Form –

seine Filme Anhäufungen großartiger Miniaturen, die alle über seinen unbändigen Stilwillen zusammengehalten werden.

Das führt dazu, dass ein Großteil des Filminhalts über die Dialogebene ausgehandelt wird. Während das beim deutschen Fernsehfilm zu furchtbaren Doppelungen führt, der Dialog erklärt was man eigentlich gerade sehen, oder wie man es sehen soll, laufen Bild und Dialog bei Tarantino fruchtbar auseinander: Tarantino sucht die Differenz. Das macht das Sehen seiner Filme so aufregend – spannend in einem konventionellen Sinne sind sie aber nicht. Fiebert man wirklich mit Django mit? Oder mit Vincent Vega? Seine Figuren bleiben uns emotional fremd. Sie sind weniger reale Menschen, als vielmehr Ereignisse, comic-hafte Überzeichnungen, denen wir gerne beim Spiel zusehen, zusehen wie sie sich ausbreiten, überschlagen, wahnsinnig werden. Das ist einer der Gründe, warum die Gewalt nicht schmerzt, denn es wird niemand verletzt. Die Gewalt ist ein Ballett, ein Tanz und ein Spiel und die Figuren nehmen daran Teil. Bei fast allen seinen Filmen positioniert Tarantino sie wie Dominosteine auf einem Feld: Jeder hat eine Eigenschaft, eine bestimmte Funktion. Nach einer Weile, wenn der Parcours steht, tippt er eine Reihe an und Peng!: Es möge Blut fließen. Eine Hautfigur gibt es dabei nicht wirklich. Eher Perspektivfiguren, denen ein wenig mehr Raum gegeben wird, damit überhaupt eine Orientierung möglich ist und ein grober Plot sich zeichnen lässt. Wichtig sind sie aber alle: Es geht nie um den einen bestimmten Charakter: Es geht um die Relationen, die Chemie, das Aufeinanderprallen. Kein Psychogramm – Oberfläche, Handlung, Ursache und Wirkung.

Dabei inszeniert Tarantino nahezu immer in klar begrenzten Räumen, in Zimmern, Hütten, Autos und Bars. Große Strecken werden nicht inszeniert, sie passieren: Selbst bei Death Proof geht es nicht um die Straße, es geht um den Innenraum und um das Auto als Körper. Dauer und Zeit interessieren ihn auch nicht. Daher der Rückgriff auf Kapitelstrukturen und Nonlinearität. Verknappung, Pointe und das Hier und Jetzt besiegelt in Fleisch und Blut. Streng genommen dauern die langen Dialoge nicht. Sie setzen Punkte, eröffnen wieder Räume, so wie Tarantino eigentlich immer vertikale Anker in die horizontale Ebene der Bilder fahren lässt. Anker, an denen sich die Augen laben können: Man findet immer einen Halt, selbst wenn das Gehirn aus dem Schädel spritzt, ist das Rot so wunderschön, das Gelb des Revers ein Traum oder die Haltung im Sterben grazil, sodass man sich daran festhalten kann und das Bild sich darum herum strukturiert. Anders als bei Regisseuren, die mit ihrer Gewalt erschüttern wollen, gibt er den Blick nicht frei, zwingt den Zuschauer das Bild selbst zu ordnen und dazu Stellung zu beziehen: Er selbst bezieht Stellung. Schau dort hin mein Freund – wie sich das Blut auf dem Weiß der Baumwollplantage verteilt, wie auf einer Leinwand von Jackson Pollock. Ein Actionpainting in absoluter Engführung.

Letztlich gibt es aber einen banalen Grund, warum all diese unkonventionellen Facetten die Menschen nicht abschrecken, obwohl sie durchaus eher dem Arthousekino zuzuordnen sind: Es ist das Fehlen der existentiellen Tiefe, das Fehlen des Dramas. Die Zuschauer werden nicht mit sich selbst konfrontiert. Vielleicht ist es das, was ich gerne mal sehen würde. Vielleicht ist es das, was ich vermisse, wenn ich nach The Hateful Eight beschwingt aus dem Kino komme: Die Filme bleiben nicht im Gedächtnis, zumindest nicht auf eine emotionale Art und Weise. Der Form nach sind sie brillant. In der Miniatur gekonnt. Im Großen aber fehlt mir etwas im Nachgang.

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