Das dunkle Herz Deutschlands

Jetzt ist das Geschrei groß. An Bautzen und Clausnitz entzündet sich alles. Mit den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof war es ähnlich, wenngleich in die andere Richtung. Wird da noch munter unter dem Deckmantel der Sorge um die Frauen fröhlich dem Rassismus gefrönt, so wundern sich nun alle wie offen der Hass gegenüber Ausländern ausgelebt wird. Überall werden Parallelen zu Rostock gezogen, als würde das etwas erklären. Warum so weit zurückgehen, wenn man doch einfach mit dem Dom im Dorf bleiben kann. Spätestens die Debatte um Köln hat gezeigt, wie ungeschminkt die Menschenverachtung ihr Gesicht zeigt.

Die Talkshows der Republik haben aus diesen Affekten ihre Quote gezogen: Ändert Köln jetzt alles? Nein. Köln ändert nichts. Es war nur eine weitere Stufe der rassistischen Eskalation in einem Land, dass sich immer gern in weißer Weste gesehen hat. Hätte man einfach mal die Ermittlungsarbeiten der Polizei im NSU-Fall als strukturellen Rassismus ernst genommen, man hätte dort schon deutliche Anzeichen sehen müssen.

Jetzt haben sie eine neue Sau, die sie durch die Wohnzimmer treiben können. Das Sensationspendel schlägt auf die andere Seite. Damit da keine Missverständnisse aufkommen: Die Vorfälle in Bautzen und Clausnitz sind widerwärtig. Doch darum geht es mir nicht. Darüber wird bereits genug gesagt. Vieles davon ist aber ebenso Teil des Problems. Diese gespielte Überraschung, dieses Entsetzen wie es dazu nur kommen kann, hier in Deutschland. Wie kann sich hier nur sich die Geschichte wiederholen, wie als hätte man daraus nichts gelernt – all das ist ein Teil des Problems, das viel weiter reicht, als es die Erregung jemals zeigen könnte. Da gibt es nicht diesen einen Auslöser, kein Plötzlich ist es da. Der Rassist ist nicht vom Himmel gefallen. Pegida ist mehr das Symptom einer Krankheit, die viel tiefer liegt, die latent vor sich hin schwelte: Was wenn der Rassismus nie weg war? Das ist die unheimliche Frage, die mich umtreibt.

Der oberflächliche Humanismus der guten Bildung

Willkommen im dunkeln Herzen Deutschlands. Jahrelang wurde eine Gedenkkultur inszeniert, der Opfer der NS-Diktatur gedacht und die einstudierte Formel wiederholt, dass sich das niemals mehr wiederholen dürfe. In den Schulen hat man die Fakten gelernt und Gedichte der Großen gelesen – so oder so ähnlich muss Dressur aussehen. Wer jetzt an Martin Walser denkt, der irrt. Der hat in ein ganz anderes Horn geblasen. Mit dem Gedenken darf nicht Schluss sein, es darf aber gleichzeitig nicht zu einer bloßen Handlung auf der Oberfläche der guten Bildung verkommen. Vor allem aber darf man aus dieser Gewalt von damals kein einmaliges, einzigartiges und unvergleichliches Verbrechen machen. Dann wird daraus nämlich eine Insel, auf die man sich zurückzieht, um sich seines eigenen Humanismus zu versichern. Das Geschehene muss in seinen basalen Strukturen nachvollzogen werden: Der Hass auf den Anderen, auf das Fremde, um sich seiner eigenen Position sicher zu sein, um von der eigenen Machtergreifung abzulenken. Wie entsteht diese Gewalt, die aus dem anderen keinen Menschen mehr macht, der in einem Haus verbrennt, sondern nur noch einen Eindringling? Den Opfern von damals gedenken und im selben Atemzug ABER sagen.

Dieses schreckliche Aber

In der Schule musste ich das miterleben. 13 Klasse, Gedichtinterpretation, irgendetwas von Günter Eich. Der Titel ist mir entfallen. Ich kann mich nur erinnern, dass sich die Fingerkuppen bereits wieder schwarz färbten: Die Warnung vor der Wiederkehr. Bei der Diskussion über das Gedicht waren sie alle gute Antifaschisten. Das beherrschten sie alle aus dem Stegreif. Gute, aufgeklärte Schüler, die im Geschichtsunterricht ganz gut aufgepasst haben. Dann aber ging es um die Frage, ob die heutigen Generationen immer noch Schuld tragen. Sicherlich ist das eine philosophisch hochkomplexe Frage. Was heißt Schuld? Welchen Begriff von Schuld legt man der Debatte zugrunde? Kann man Schuld weitergeben? Unabhängig davon spielte sich ein unheimliches Schauspiel ab: Aus den sauberen Antifaschisten wurden plötzlich kleine Wutbürger. Die Rede von den Russen in im Dorf, von den Türken die uns die Arbeit wegnehmen und vom Großvater der ja soviel durchgemacht hat im Krieg. Es waren nicht alle, die so gesprochen haben. Ein Großteil hat geschwiegen. Ich war schockiert und bis heute muss ich an diesen Moment denken. Dieser nahtlose Übergang von demokratisch-aufgeklärten jungen Menschen, die sich vom Leid der Menschen in den Konzentrationslagern betroffen zeigen, hin zu geifernden Rassisten, die nichts aus all dem gelernt haben, was sie vorher so wunderbar vorgetragen haben. Überall roch es nach der Pathologisierung der Herkunft.

Der Rassismus war niemals weg

Vielleicht war dieser Geist niemals weg. Haben wir uns darüber schon mal Gedanken gemacht? Ist es heute nur so offensichtlich, dass wir es nicht mehr übersehen können? Die Geschichte widerholt sich, aber sie wird ein anderes Gesicht tragen. Da helfen all die auswendig gelernten Haltungen nichts, all die zu Festschmuck erstarrten Gesichter auf den Feiern: Wir müssen uns fragen, jeder für sich, ob wir die vielen kleinen, alltäglichen Desaster wohlwollend übersehen haben. Der Rassismus (auch der Antisemitismus) war nie weg. Er war vielleicht kleiner und versteckter, nicht so mobilisiert. Nun ist er da und wir haben ihm alle beim Wachsen zugesehen. Zeit, dass wir etwas dagegen tun. Ein erster Schritt ist es, die Flüchtlingskrise nicht mehr als Alibi durchgehen zu lassen. Nicht deswegen ist der unbescholtene Bürger besorgt – er war es schon immer.